„Hier kommt keiner durch“ von Leander Veizi

Sehnsucht nach dem Bestimmer

Leander Veizis Tanzstück „Hier kommt keiner durch“ am Jungen Theater in Regensburg

Was sich vielleicht wie eine gelungene pädagogische Aufgabe anhört, ist im Theaterraum ein eindrucksvolles, packendes Erlebnis

Regensburg, 04/10/2026

Viele würden sagen zu viele Menschen sehnen sich nach einem Bestimmer. Wenige nach einer Bestimmerin. Kinder tun das nicht, obwohl sie in der Realität eines Kindergartens, am Spielplatz oder auch in der Familie durchaus häufig mit einem solchen konfrontiert sind. „Ich bin der Bestimmer“ ploppt wenige Minuten nach Beginn des Tanzstücks „Hier kommt keiner durch“ im Jungen Theater in Leuchtschrift auf der Schräge  hinter dem ungleichen Paar auf. Ergänzt durch den Endreim „Für jetzt und immer...".

Uijuijui“ könnte man als Erwachsener denken, wie kommt die große Tänzerin mit dem dicken Zopf (Soleil Jean-Marain) wieder aus der Nummer raus, die ihr der kleine Tänzer (Chih-Yuan Yang)  auf dem schwarzen Hengst eingebrockt hat. Zuvor hat der angemessen herrisch auftretende Bestimmer der Tänzerin befohlen seinen Gaul mit dem bissig bleckenden Kopf zu schieben. Auf Rollen geht es einmal ums von Lichtbändern begrenzte Tanzfeld, bevor der Reiter hinterm Vorhang verschwindet und ihr noch einmal eindeutig die Grenzen aufgezeigt und eingeschärft hat.

Von nun an bewacht die Bezopfte in weiten Gewändern, die mit roten Bändern überzogen sind, die derart markierte Grenze. Immer neue Gruppen und einzelne Tanzende, darunter einer mit spiegelndem Helm als Weltraumbesucher, muss sie abwehren die Grenze zu übertreten. Je mehr es werden, desto schwieriger wird es für die Beauftragte, die die strikte Order des Generals gewissenhaft erfüllen will. Dass der Bestimmer ein ranghoher Militär ist, stellt sich erst gegen Ende des rund einstündigen Stücks heraus, als die Grenzwächterin verzweifelt auf den Befehl hinweist.

Da ist die lang verteidigte Grenze bereits gefallen. Beim Spiel zweier Tänzer ist ein Tischtennisball außerhalb der Grenze im Zuschauerraum gelandet. Selbst die lange standhafte Verteidigerin hat irgendwann ihre Nibelungentreue niedergerungen und die Begrenzung zögernd überschritten. Ein Schritt zu neuen Erfahrungen und mehr Gemeinsamkeiten, kann sie sich doch jetzt mit allen anderen der inneren Beschränkungen entledigen, indem sie einengende Bekleidungsteile ablegen.

Was sich vielleicht wie eine gelungene pädagogische Aufgabe anfühlt, ist im Theaterraum ein eindrucksvolles, packendes Erlebnis, das – obwohl vorhersehbar – völlig natürlich erscheint. Neben den Tanzenden braucht es dazu nur wenig Requisiten, wechselndes farbiges Licht, das die Tanzfläche in unterschiedliche Stimmungen taucht und zugängliche, oft rhythmisch repetitive Musik von Björk über Phil Glass bis Pink Floyd fürs Dramatische und einige andere. 

Die einfache und sicher pädagogisch gedachte Geschichte nach einem Bilderbuch von Isabel Minhós Martins und Bernardo P. Carvalho erfährt in Leander Veizis Choreografie eine lebendige und unbedingt lohnenswerte Umsetzung. Dabei ist Veizi glücklicherweise nicht der Versuchung erlegen, den Tanz einfach zu machen. Erleichtert wird die Zugänglichkeit durch Humor, mehr mimische Elemente als gewohnt und eine reizvolle farbige Ausstattung (Badia Mühlhofer), die leicht zu entschlüsseln ist. Dazu ein Ensemble (Nea Jankovis, Rose Brouwer, David Lopes) das mit hochklassigem Tanz auf kleinem Raum diese Geschichte von Ermutigung und Gemeinsamkeit absolut überzeugend zu erzählen weiß. Dass der entmachtete General selbst am Schluss nicht über seinen Schatten springen kann – geschenkt. Hochrufe und langer Beifall. 

 

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