Kunst der Verzauberung
Die Jubiläumsausgabe von Think Big!, dem Festival für junges Publikum in München, lädt zum Träumen ein und hält den Spiegel vor
Was für ein Applaus. Nach den 45 Minuten, die der Abend dauert, brandet er los. Frenetisch, persönlich, warm. Eine große italienische Community war zugegen, um zu sehen, wie Erica D´Amico ihrem Vater Giacomo ganz neu begegnet. Erica ist Tänzerin und Choreografin, Giacomo ist Ingenieur und seit rund 12 Jahren vollständig blind. Beim Einlass ins schwere reiter sitzt er in einem Sessel am Rand eines runden blauen Teppichs, über den Beinen ein Fischernetz, das er flickt, während er leise vor sich hinsingt. Als Leuchtturmwärter stellt ihn die Stimme vor, die alle Aktionen simultan beschreibt. Zum Beispiel auch den Suchscheinwerfer, der von der Decke aus das im Kreis sitzende Publikum abscannt.
Ein Leuchtturmwärter, der nicht sehen kann: Das klingt nach einem Witz, nach einem Bild für etwas Größeres, auf jeden Fall nach einem einsamen Geschäft. So ist das Licht, das Giacomos „Turm“ ins reale Bühnen-Dunkel aussendet, auch als Signal zu verstehen: Hier ist jemand! Der erste Auftritt von Erica kündet sich akustisch an. Wenn sie die Teppich-Insel wie eine Verirrte umkreist, klingeln die Muscheln an ihrem ebenfalls aus Fischernetz gefertigten Überkleid, das sie in weiten Bögen um sich herumwirbeln lässt. So kann der Vater sie mit dem Gehör orten. Dass er sie nicht sofort als seine Tochter erkennt, leuchtet unmittelbar ein. Warum auch sie blind ist für den Vater, muss wohl damit erklärt werden, dass der Raum, den sie hier zu teilen versuchen, ein metaphorischer ist. In „Eclissi 143“ geht es nicht um eine Eltern-Kind-Beziehung mit anderen Vorzeichen, sondern um die Hermetik das Nicht-Sehens, die aufgebrochen werden soll. Und um das Neu-Lernen dafür nötiger Wahrnehmungs- und Kommunikationsweisen.
Da herrscht natürlich erst mal Hilflosigkeit auf beiden Seiten der imaginären Mauer. Aber diese Hilflosigkeit wird in dem Stück, für das Erica D´Amico die Münchner Debütförderung bekommen hat, leider auch mit eher hilflosem Tanz beglaubigt. Und damit sind nicht die Bewegungen des älteren Blinden gemeint, der untergehakt bei der jungen Frau verständlicherweise erst Vertrauen fassen muss, bis seine Bewegungen sicherer werden, sondern die betont verstörten oder betont spielerisch-ausgelassenen Moves der gelernten Tänzerin. Zweifellos gibt es berührende Szenen, in denen die beiden sich gegenseitig über das Gesicht streicheln, ihre Züge miteinander vergleichen und „ti conosco“ („ich kenne dich!“) oder „143“ sagen - ein Zahlencode für „I love you“ -, aber oft werden nur Gefühlszustände illustriert. Der Audio-Text (Laura Manz, Manuela Schemm) trägt das seine dazu bei. Entgegen der Tendenz der Aesthetics of access, die Zugangsmittel selbst ästhetisch aufzuwerten, bleibt er meist nur rein deskriptiv an den Aktionen, Gegenständen und Lichtstimmungen kleben. Für Blinde und Sehbehinderte ist die Audiospur dennoch nützlich, keine Frage. Wenn man aber als Sehende in nüchternen oder abgegriffenen Worten beschrieben hört, was man gleichzeitig auch selbst beobachtet, wirken einige Szenen wie Malen nach Zahlen mit dem Körper, wie pantomimische Improvisationen mit Ansage.
„Eclissi“, die eine Hälfte des Titels des Abends, heißt so viel wie „Finsternis“, „Untergang“, steht aber auch für das, was bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis passiert: Ein Himmelskörper wird für eine gewisse Zeit vom Schatten eines anderen verdeckt. In ähnlicher Weise verhindern zuweilen auch die eigenen Erfahrungen, dass man die des anderen voll und ganz erkennen kann. Um diesen Annäherungsprozess geht es hier auch. Zwischen den zwei Menschen auf der Bühne, die nach etlichen Lock- und Lernversuchen beide „über den blauen Rand“ treten und sich auf der Seite neu begegnen, die die eigene Sonne zuvor nicht beleuchtet hat. Und auch das sehende Publikum ist zum Grenzübertritt eingeladen. Schließt man die Augen, gelingt es zumindest für Momente, sich den Surround-Effekten der bald wummernden, bald melodischeren und am Ende Klopfzeichen aussendenden Musik von Conrad Hornung und dem lauen Lüftchen zu überlassen, das ein riesiger Ventilator am rekordheißen Premierentag verbreitete. Dann zieht es einen innerlich ans Meer, an einen Ort, ganz ähnlich wie den, an dem die Familie D´Amico auf Sizilien Schiffe baut.
Kurz bevor Vater und Tochter fröhlich miteinander plaudernd den Raum verlassen, setzt der Suchscheinwerfer des „Leuchtturms“ wieder ein. Auch der kreisförmige Weg, den er beschreibt, hat eine Art „blinden Fleck“, an dem das Licht kurz aussetzt. Und dann beginnt der Applaus. Künstlerisch hat der Abend den Bogen nicht ganz genommen, den in die Herzen aber schon.
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