Schmerz und Empathie bei den Wurzeln gepackt
„Nami“ von Zinada bei der Tanzwerkstatt Europa
Vergangenen Sommer erst wurde Hannah Schillingers Debütproduktion „Field Work“ im Rahmen der Tanzwerkstatt Europa im Münchner Theater HochX uraufgeführt. Damals wirkte sie als Interpretin selbst mit. Jetzt, ein Jahr später, lässt die in Berlin und München tätige Tänzerin und Choreografin mit „Joan“ eine weitere thematisch ambitionierte Arbeit auf der etwas größeren Bühne des Schwere Reiter folgen. Sie selbst tritt darin nicht mit auf, ist sich aber treu geblieben in punkto der gemeinsam mit ihren Performer*innen Julie Carrere und Eléonore Bovet entwickelten schwingenden Bewegungssprache ebenso wie einer gewollt signifikanten Einbindung bestimmter charakteristischer Requisiten.
An erster Stelle sind da die drei unterschiedlich geformten durchbrochen-schildartigen Objekte zu nennen – farblich angelehnt an das silbrige Glänzen einer Rüstung. Sie symbolisieren vielleicht den Kampfgeist in einer ansonsten ziemlich friedfertigen Aufführung ohne richtig wilde Schlachten-Action. Schillinger legt „Joan“ eher Richtung „lovefully friendly collision“ oder „enemies-to-lovers“ an – weniger als kämpferischen Alleingang, da sich das Ganze mehr im Miteinander entwickelt.
Anfangs stehen die Teile aneinander gelehnt da wie Holzscheite eines Lagerfeuers. Darum herum hockt außer den beiden Tänzer*innen noch mit seiner Gitarre Sounddesigner s.t.v aka Stevie Gunter. Gemeinsam singen sie ein von Hannah Schillinger getextetes Lied, in dem die Aufforderung erklingt, jene Schäferin zu treffen, die Johanna ein Schwert gegeben haben soll: „Jo, Joan, Joey. And I go, Jo, Joan, Joey“. Angesprochen mag sich da fühlen, wer will.
Später sausen die ungleichen Formen – beim Tanzen an gestreckten Armen in den Händen gehalten – durch die Luft, werden an die Brust gedrückt oder vor das Gesicht gehalten. In einer zentralen Sequenz der Performance, die jedes gesprochene oder gesungene Wort auf Deutsch und Englisch übertitelt, kommt das Publikum – insofern er, leise und überaus höflich gefragt, zustimmt – direkt mit den wandelbaren Elementen in Kontakt. Es ist der Moment, in dem Schillinger die feierliche mittelalterliche Zeremonie des Ritterschlags aufgreift und ihr Publikum erstmals in die Handlung mit einbezieht.
„Möchtest Du mich zum Ritter*in schlagen?“ ist an der Wand zu lesen. Und: „Darf ich Dich zum Ritter*in schlagen?“ Während sich zuvor Julie Carrere und Eléonore Bovet – die künstlerische Praxis der beiden ist den Schnittstellen zwischen Tanz, Performance und bildender Kunst zuzuordnen – in einem spielerischen Duett wiederholt wechselweise voreinander verbeugt haben, vor dem Gegenüber in die Knie gegangen sind und kleine Handgesten zu Reverenzen und raumgreifenden Port de bras anwachsen ließen, gewinnt nach zahlreichen Schulterberührungen fortan ein zunehmend pseudo-sakraler Duktus die Oberhand, dem man sich kaum entziehen kann.
Zum zärtlichen Kosen und Sich-Kopf-an-Kopf-Hinlegen der beiden Tänzer*innen wird eine Etagere mit ungewöhnlichen blauen Drops herumgereicht. Die Gäste dürfen zugreifen – mit dem Resultat, das sich ihre Zungen vergleichbar den gebleckten auf der Bühne blau verfärben. Doch dann franst das Geschehen aus und „Joan“ verliert den Fokus. Die Idee einer Messe kippt – und das Trio schüttet sich hinten am Musikerpult gegenseitig rote Flüssigkeit in den Mund.
Der laut Programmzettel „kritischen Auseinandersetzung“ mit dem historischen Stoff sollen im Vorfeld Recherchen vorausgegangen sein, in die nicht nur Schillers Drama „Die Jungfrau von Orléans“ eingeflossen sind, sondern auch Schriften von Virginia Woolfs Lebensgefährtin Vita Sackville-West, der amerikanischen Aktivistin Audre Lorde, der französischen feministischen Theoretikerin Monique Wittig, von Leslie Feinberg (eine der bekanntesten Personen der US-amerikanischen Trans-Liberation- und LGBT-Bewegung) oder Lidia Yuknavitch (Autorin des dystopischen Science-Fiction-Romans „The Book of Joan“ – 2017 eine kühne Neuinterpretation der Johanna von Orléans-Geschichte). Viel Material, dass inhaltlich ausgewertet und auf eine Stunde Performancedauer verdichtet werden musste.
Ein prompter Vorstellungsbeginn und szenische Bildhaftigkeit bietet sich da an. Das Publikum nimmt auf Stühlen im Hufeisen rund um ein Podest Platz. Je nachdem, wo man sitzt: Aus frontaler Sicht erinnert das erhöhte Podest an die Form eines überdimensionalen, wenngleich nicht ganz symmetrischen Kreuzes. Es dient dem Tanz als Laufsteg und wird zum Terrain, auf dem sich – und neben dem sich – die drei Performenden im Verlauf der Aufführung immer wieder begegnen und von dem aus sie mit den Gästen interagieren. Bis sich zum Schluss die drei wieder an ihrem Ausgangpunkt treffen und erneut ihren Song anstimmen. Ergänzt nun um die Ausrufe von Vornamen all jeder Personen, die prägend in diese Kreation mit eingeflossen sind: „Vita, ... Audre, ... Monique ... are gonna be with us...“. Bleibt nur die kritische Frage, inwieweit man hierzu ausgerechnet Jeanne d’Arc als Projektionsfläche braucht.
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