von Annette Bopp
Disco-Lichter. Stampfende Rhythmen. Tanzende Menschen. Und zwischendrin Sirenen. Es ist der 24. Februar 2022. Und wir verstehen sofort: Wir befinden uns in einem Club in Kiew. Es ist der Beginn des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Schnitt. Zwei Männer sitzen sich in einer Badewanne gegenüber. Man erfährt: Das Bad ist der sicherste Ort im Gebäude, denn der Keller hatte Fenster. Öffnungen, durch die Bombensplitter oder Feuer Menschen bedrohen können, die dort Schutz suchen. Zwei Monate lebten die beiden in diesem Bad. Schnitt. Ein Fabrik-Loft. Staubige Böden, kahle Wände. Die beiden Männer tanzen, improvisieren, begegnen sich. Und in all dieser Trostlosigkeit entsteht plötzlich Nähe. Zärtlichkeit auf mit Schmutz beschmierten Körpern.
So beginnt der Dokumentarfilm über das Leben von Jay Lerêve und Vol’demar Kabus, zwei schwule Tänzer, die so gut wie möglich versuchen, dem Krieg zu entgehen, zu überleben, und ihrer Kunst – dem Tanz – treu zu bleiben, denn: „Das Alltagsleben beizubehalten, hilft zu überleben.“ Über dem Lesen, Lernen und Brotbacken bereiten sie Vorstellungen vor mit einer kleiner Tanzkompanie, es sind trotzige Beweise des Widerstands gegen Unmenschlichkeit und Zerstörung.
Der Film ist Teil des Programms beim diesjährigen DOK.fest in München und beschreibt in Rückblenden den Werdegang der beiden Tänzer und Choreografen, die Ausbildung in Tanzschulen für Kinder, den Leistungssport. Die Schwierigkeiten als schwule Männer, die Ausgrenzung aus der Familie. Die Flucht vor dem Krieg schon 2014, als Russland die Krim eroberte. Der Tod der Mutter. Der Zwang, sich anzupassen.
Und doch bleibt die Lust am Leben, der Mut, sich zu zeigen, die Kunst zu leben trotz Stromausfällen und Luftangriffen. Sie organisieren Treffpunkte am Dnipro, dem Fluss, der durch Kiew fließt. In Clubs, im „Community Café“. Im Museum für eine Performance. Sie sehen die Schönheit der zugeschneiten Stadt im Winter. Das Leben geht weiter. Zu tanzen bedeutet zu widerstehen.
Im Nachspann erfährt man, dass die Ukraine bis heute keine Ehen oder ein „civil partnership“ zwischen Gleichgeschlechtlichen anerkennt. Für Soldaten bedeutet das, dass der Partner kein Recht auf medizinische Entscheidungen hat, keine Entschädigung oder Anerkennung einer kriegsbedingten Verletzung bzw. des Todes. Trotzdem dienen auch Schwule im Militär, weil sie hoffen, dass sie ein Land verteidigen, das sie dereinst ebenso schützen wird. Denn im März 2026 bestätigte der Oberste Gerichtshof erstmals ein Urteil, mit dem ein gleichgeschlechtliches Paar als Familie anerkannt wurde.
Bewegung ohne Grenzen
Seit 1995 gibt es die Din A 13 tanzcompany, eins der wenigen Ensembles weltweit aus körperlich eingeschränkten und nicht eingeschränkten Tänzer*innen. Gründerin und Leiterin der Kompanie ist Gerda König, eine Psychologin, die sich seit 1991 intensiv mit Tanz und Bewegung für behinderte Menschen beschäftigt – selbst betroffen von einer Form des Muskelschwunds. Seither inszenierte sie, unter anderem mit der Choreografin Gitta Roser, insgesamt 33 Produktionen, davon 25 abendfüllende. Der Dokumentarfilm „Movement unbound“ von Miriam Jakobs und Gerhard Schick, der beim DOK.fest am 7. Mai 2026 Weltpremiere feiert, begleitet das bisherige Schaffen des in Köln ansässigen Ensembles und zeigt Ausschnitte aus dem Entstehungsprozess von insgesamt 13 Werken (in- und outdoor) zwischen 1995 und 2025, die meisten in der Choreografie von Gerda König.
Die Stücke wurden nicht nur in Köln, sondern in der ganzen Welt entwickelt und gezeigt, denn 2005 initiierte Gerda König das Projekt „Dance meets differences“, um über den Tanz einen interkulturellen Austausch mit fremden Kulturen zu ermöglichen und neue mixed-abled Kompanien in verschiedenen Ländern Südamerikas, Afrikas und Asiens zu etablieren. Es sind gerade diese Beispiele, die in diesem Film am meisten berühren: wenn z.B. zwei afrikanische Tänzer auf einer Hafenmole tanzen, die einen unterirdischen Gang hat. Er führt, was man natürlich nicht sieht, von einem Sklavengefängnis an Land direkt zu den weiter draußen liegenden Schiffen ... Oder wenn ein am Unterschenkel amputierter Mann auf Sri Lanka sich in einem Wald an Lianen zwischen den Bäumen entlang hangelt, dort auf einen zweiten, unversehrten Mann trifft und mit ihm zusammen einen grandiosen Pas de Deux in der Luft entwickelt. Wir erfahren, dass er den Fuß aufgrund einer Minenexplosion verloren hat, selbst ein zutiefst gläubiger Buddhist, aber von der Regierung in den Bürgerkrieg gezwungen aufgrund der Konflikte zwischen Religionen.
In all den gezeigten Beispielen wird erkennbar, dass körperlich eingeschränkte Menschen oft ganz andere Bewegungshorizonte haben als nicht eingeschränkte. Damit eröffnet sich auch ein neuer Blick auf den Tanz und den Körper in seiner individuellen Schönheit und Flexibilität. Tänzerische Ästhetik bekommt hier noch einmal eine neue, zusätzliche Dimension.
Weshalb sich Gerda König zum Ziel gesetzt hat, mixed-abled Tanz zum festen Bestandteil des Curriculums an den Hochschulen für Tanz zu etablieren. Die Kompanie selbst hat dafür schon 2019 mit „M.A.D.E“ (Mixed-Abled Dance Education) und mit UNIque@dance ein entsprechendes Ausbildungsprogramm gestartet.
Die wichtigste Botschaft des Films ist jedoch, dass jeder Mensch ein unversehrtes, heiles Inneres hat – ganz egal, welche Einschränkungen ihn betreffen.
Die beiden Filme „To Dance is to Resist“ und „Movement unbound“ sind im Mai an mehreren Terminen beim DOK.fest München zu sehen.
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