„Eat My Fear“ von Caroline Finn

Eine seltsame Welt, nicht wahr?

Wiederaufnahme der Tanztheaterproduktion „Eat My Fear“ am Schauspiel Erlangen

Caroline Finn verneigt sich mit ihrem atemberaubenden Tanztheaterstück vor David Lynch, dem 2025 gestorbenen Großmeister surrealer Bilderwelten zwischen Traum und Albtraum.

Erlangen, 09/10/2026

Tanz meets Theater. Wie faszinierend das sein kann, hat in der vergangenen Spielzeit Caroline Finn gezeigt. Die Britin, die von 2015 bis 2018 künstlerische Leiterin der National Dance Company Wales war und heute in der Schweiz lebt, verneigt sich mit ihrem atemberaubenden Tanztheaterstück „Eat My Fear“ vor David Lynch, dem 2025 gestorbenen Großmeister surrealer Bilderwelten zwischen Traum und Albtraum. Wie schön, dass die zusammen mit dem Erlanger Schauspielensemble entwickelte Choreografie nun für vier Abende zurück im Programm ist.

Diese beruht nicht auf einem spezifischen Lynch-Film, sondern beschwört langsam aber sicher einen lynchesken Zustand. Dabei ließen sich alle Beteiligten von dem ganzen Universum des US-amerikanischen Filmemachers, Malers und Fotografen inspirieren. Seiner Liebe für rote Vorhänge, dem Hang zu Musik zwischen Rock’nʼRoll, merkwürdigen Klängen und Speed Metal, seinem Faible für körperliche Marotten aller Art. Nur auf die vielen Motive von Feuer und Rauch in seinem vielgestaltigen Werk hat man auf der Bühne wohl lieber verzichtet.  

Entstanden ist ein knapp zweistündiger, visuell eindrücklicher Assoziationsreigen, den man auch dann genießen kann, wenn man noch nie einen Film von Lynch gesehen hat. Eines jedoch sollte man nicht erwarten: Eine durchgehende Erzählung. „Es ist wie beim Angeln: Man weiß nie, was am Haken hängt“, hat der Regisseur einmal über seine Werke gesagt, die ihre verstörende Schönheit gerade aus ihrer Rätselhaftigkeit beziehen. Eine Rätselhaftigkeit, die, darauf legt er Wert, ihren Grund in der geheimnisvollen Beschaffenheit unserer Welt selbst hat. Der häufigste Satz in dem sinisteren „Blue Velvet“ von 1986 mit Kyle MacLachlan, Isabella Rossellini und Dennis Hopper in den Hauptrollen lautet nicht zufällig: „It’s a strange world.“ 

Genauso funktioniert auch „Eat My Fear“, eine Abfolge wundersam gespielter und getanzter Szenen zum Schauen und Staunen, die unsere Wahrnehmung in Frage stellt. Gesprochen wird wenig und wenn, dann Sätze wie: „Die Eulen sind nicht, was sie scheinen.“ Kaum dass der Vorhang aufgegangen ist, blickt man in einen mit roten Tüchern ausgekleideten Raum. Lynch-Kenner fühlen sich an den sagenumwobenen Red Room aus der TV-Krimi-Seifenoper „Twin Peaks“ erinnert. Hier aber ist es der Aufbahrungsraum eines Beerdigungsinstituts (Bühne: Till Kuhnert). Die fünf Performer*innen tragen Anzug, Hemd, Krawatte, haben schlohweiße Haare und defilieren in Endlosschleife an einer Urne vorbei. Fünf Lookalikes von David Lynch, die einem Verstorbenen ihre Aufwartung machen und zwischendurch Kuchen essen.

Plötzlich läuft allerdings alles rückwärts ab, so als hätte jemand aus Versehen die Rückspultaste gedrückt. Jetzt sind die gerade noch so steifen, angespannten Körper erstmals in bizarrer Aktion. Rückwärts gehen, rückwärts trinken und rückwärts husten. Ja, auch das! Immer schneller und schneller zum Ticken einer Uhr. Bis zum Zittern, Zucken und Rucken. Verdrehte Körper, entgleiste Mimik. Dann lässt das Tempo wieder nach und sie gehen in Slow Motion zu Boden. So körperlich entfesselt hat man Birgit Bücker, Kai Götting, Hermann Große-Berg, Juliane Böttger und Tobias Graupner selten auf der Bühne des Markgrafentheaters erlebt. Caroline Finn sei Dank.

Es folgen weitere Tableaus: ein Kabarett-Club, ein Diner, ein Wald. Vielleicht die eindrücklichste Szene  ist die in dem typisch amerikanischen Restaurant. Im Radio schmachtet Roy Orbison ununterbrochen „Crying“, und man spielt Gäste und Bedienung. Soweit alles scheinbar normal: „Zwei Eier ohne Speck.“ Doch das Licht erlischt, ein Telefon klingelt und das Ganze wandelt sich ins Groteske. Tics übernehmen die Regie: eine Körperwelle machen, die Beine schlackern lassen, auf Zehenspitzen laufen, während die in der Hand befindlichen Tassen und Löffel aneinander klackern – „Eat My Fear“ kennt viele dieser sinnlichen, aber keineswegs besinnlichen Momente. 

Nach und nach hat das Orbison-Lied immer mehr Aussetzer, und schließlich erwischt es auch die Performer*innen. Sie gehen zu Boden und krabbeln und bellen bar jeder Logik wie ein Hund. Alle überlassen sich dem Eigensinn ihrer Bewegungen, was absolut schräg und deshalb wunderbar ist. Es folgen weitere Songs, teilweise von einem tollen Live-Mädchenchor eines Erlanger Gymnasiums gesungen. Dazu Tanznummern zwischen Schwof, Rock’n’Roll und Gruppenchoreografie. Bis Nebel aufzieht und sich alles in wild zappelnder, stampfender und schreiender Ekstase auflöst. Danach knicken die Oberkörper der völlig erschöpften Darsteller*innen zur berühmten Titelmelodie von „Twin Peaks“ ein und erstarren mit hängenden Köpfen endgültig. „It’s a strange world, isn’t it?“

Termine: 10. und 12. Oktober, 8. und 9. November

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