„Psycho“ von Diego Tortelli & Miria Wurm, Tanz: Hélias Tur-Dorvault

Kleines Format – volle Power

Uraufführung von Diego Tortellis & Miria Wurms „Psycho“ im Münchner HochX

Hier wird das Phänomen „Atem“ tänzerisch ergründet. Mit seinem Solo, das sich in technisch schräge Details aufgliedert, raubt Performer Hélias Tur-Dorvault dem Publikum schlicht den Atem.

München , 02/06/2026

Ein weißes Tanzbodenquadrat dominiert den sonst schwarzen Raum. Es bedeckt fast die gesamte Bühnenfläche im Münchner Theater HochX. Im schmalen ausgesparten Bereich rundherum und auf den vordersten Reihen der ansteigenden Tribüne nehmen die Zuschauer*innen Platz. Der später für „toxisch dicke Luft“ bzw. intensive atmosphärische wie Stroboskop-Effekte (Lichtdesign: Roman Fliegel) nötige Nebel wabert bereits in der Luft herum. In zunächst reizarmer Umgebung werden in „Psycho“ alle Erwartungen vom ersten Augenblick an auf ein Stück puren Tanzes gelenkt, das sich thematisch „nur“ mit „Atem“ beschäftigt: einem autonomen, vegetativen Phänomen, das Menschen am Leben, in Bewegung und bei physischer wie seelischer Gesundheit hält – im besten Fall ohne je überhaupt darüber nachdenken zu müssen.

Genau hinsehen zu können und fokussiert durch Klang- und Lichtstimmungen hindurch zu beobachten, ist gewollter Teil dieser trocken-expressiven Performance, die sich schnell als weniger wissenschaftlich dröge denn tänzerisch ungewöhnlich wie eindrücklich erweist. Choreograf Diego Tortelli und seine Produktionspartnerin Miria Wurm haben ihre jüngste Arbeit für ein möglichst intimes, durchaus sinnliches Total-Theater-Feeling konzipiert. An Stelle von Emotionen, die weitgehend ausgeklammert bleiben, werden muskuläre Reflexe und körperliches Reagieren auf äußere oder innere Störungen ins Blickfeld gerückt. Schließlich leitet sich das Wort „Psycho“ direkt vom altgriechischen Begriff für „Atem“ ab.

Separierte Kontraktionen einzelner Körperpartien alternieren mit energetischen Schüben. Plötzlich kreiselt Hélias Tur-Dorvault dynamisch durch den Raum. Mal presst sich eine Handkante seitlich wie zum lauten Ruf (der niemals erschallt) an den Mund, mal werden Handflächen an Stirn und Wange gedrückt. Ausgestreckte Zeigefinger suchen sich ihren Weg, um letztlich an den Flanken anzudocken – für ein bewegtes, vielleicht einen intakten Kreislauf symbolisierendes Schlussbild.

„Psycho“ ist ein Solo, das unter die Haut geht. Als zu Beginn das Licht erlischt, betritt Tur-Dorvault – ein an der Schule des Hamburg Ballett klassisch ausgebildeter französischer Tänzer – die Bühne kaum wahrnehmbar in einem hautengen schwarzen Trikot. Summender Sound erklingt. Er arbeitet sich zur Mitte vor, die Ballen am Boden wie angeklebt und verdreht seinen Körper. Ein Bein schnellt zur Seite, dann nach vorne. In der Arabesque balanciert er sich aus. Die Klänge aus dem Off werden geräuschvoller. Die Fußsohlen nach unten gedrückt, knickt er breitbeinig in den Knien ein. Tur-Dorvaults Arme verwandeln sich in schaufelnde Flügel. 

Das Stück lebt von der in jeder noch so abstrusen Pose starken Präsenz dieses Interpreten. Visueller Hingucker ist die silberne, elegant-filigran das halbe Gesicht bedeckende Metallmaske – ein stylisch-kurioses Schmuckstück, das an Hannibal Lecter erinnern mag, und Mimik nur mehr in Form flehender, stumm um Hilfe schreiender Blicke ermöglicht. Immer wieder bugsiert Tur-Dorvault seinen Körper gezielt an die Ränder seines scheinbar unsichtbar abgegrenzten Auftrittsareals. Niemals überschreiten seine motorischen Handlungen dieses. Stattdessen lotet sein Spielradius wiederholt die Vertikale aus, indem er sich oder seine Glieder mehr oder weniger in die Länge streckt. 

In einer Sequenz sinkt Tur-Dorvault nacheinander in jeder der Ecken breitbeinig ins Plié und lässt dem prompten Eigenleben seiner Arme dicht vor den Augen des Publikums freien Lauf. Nichts dabei wirkt zufällig. Kontrollierte Kraft bringt jeden seiner Moves quasi zum Pulsieren. Dennoch vermittelt der Tänzer niemals den Eindruck eines pur kopfgesteuerten Wesens. Sein Körper scheint gleichsam automatisch zu funktionieren oder wird von sonoren Gewitterentladungen (Komposition: Riccardo Bazzoni) über die Fläche gerollt und ins Schleudern gebracht. Hier agiert er bodennah, da extrem auf Zehenspitzen oder – sehr drastisch und beklemmend langsam – gar komplett auf dem Bauch liegend. 

In diesem Moment werden die Zuschauer*innen zu voyeuristischen Zeug*innen eines lebensbedrohlichen Extremzustands. Kein Röcheln, kein Stöhnen. Tur-Dorvault robbt einer Raupe gleich quer übers Parkett wie jemand, der lautlos-verzweifelt nach Luft ringt und sich aus einer nicht weiter spezifizierten Gefahrenzone zu kämpfen versucht. So sieht atemberaubendes physisches Theater aus.

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