Mehrstimmige Kreise
Woche 1 bei der Tanzwerkstatt Europa
„Until We Sleep“ von Botis Seva / Far From The Norm als Gastspiel in der Muffathalle in München
Sie schälen sich aus der Finsternis. Und am Ende verschwinden sie wieder ins dunkle Nichts. Acht Tänzer*innen der vor 17 Jahren in London gegründeten Kompanie „Far From The Norm“ halten das Publikum 70 Minuten lang sinnlich auf Trab. In einer höchst dynamischen Schleife aus Power und Mystik verfallen sie immer wieder innerlich in Phasen des Stillstands. Wie geschockt. Wenig später eilt, rennt, floatet, fliegt und flirrt das widerständige Kollektiv in energetischen Schüben über die Bühne, die in zwei Hälften geteilt wird durch eine beleuchtungstechnisch (Lichtdesign: Tom Visser) raffiniert bespiel- und atmosphärisch schnell verwandelbare Installation von 18 schräg in die Höhe ragenden Lichtstäben.
Allein schon in dieser von Botis Seva (Choreografie & Regie) visuell reizvoll gelösten Ausgangsidee, mit zwei voneinander getrennten Welten zu spielen, liegt viel Assoziationsspielraum. Es könnten aber auch unterschiedliche Bewusstseinssphären sein. Die scheinbar unüberwindbare Mauer dazwischen erweist sich jedenfalls im Verlauf des Stücks als durchaus semipermeabel. Die temporären Möglichkeiten des Hindurchschlüpfens bleiben in ihrer spezifischen Art und Weise jedoch alptraumhaft unberechenbar.
Als zu Beginn plötzlich eine steife Gestalt mit spitzhutartiger Federkrone und langem Umhang im Hintergrund sichtbar wird, blitzt der Gedanke an einen Zauberer oder eine Gottheit aus einer längst vergangenen Zivilisation auf. Im Vordergrund rückt eine Tänzerin ins Rampenlicht: Victoria Shulungu tritt etwas näher an das Publikum heran, blickt aber entrückt in die Ferne. Ihre Arme bewegen sich wie die Schwingen eines Vogels. Mit wie zum Gebet über dem Kopf gefalteten Händen und weil sie lange und oft im Zentrum sowohl des Raums als auch der gesamten Gruppe agiert, könnte man ihre Rolle als die einer Priesterin lesen.
Tatsächlich lässt Seva seine Performance erst nach einer kurzen spannungsvoll anmutenden Gegenüberstellung des einsamen Mannes hinten rechts und der bald von weiteren Performern umringten Frau links vorne so richtig tänzerisch losbrechen. Tragende Säule des düsteren und zugleich inhaltlich vage gehaltenen Konzepts ist das ganz eigene Klanguniversum (Komposition: Torben Sylvest) aus Stimmen, Geräuschen, Percussion und instrumentaler Musik. Im richtigen Moment durchbrechen einige Performer im Laufschritt die imaginäre Wand. Zuvor schon hat sich ein Wesen mit Drachenzacken am Rücken quasi durch einen Riss am Boden hindurchgeschlichen.
Den grausamen Höhepunkt markiert zweifelsohne ein Kämpfer mit bloßem Oberkörper. Das Gewehr im Anschlag richtet er sich hinter dem trennenden Halbrund auf und feuert die Waffe – akustisch lautmalerisch begleitet – aus vermeintlich verdeckter Position ab. Sie ist gezielt auf die Gemeinschaft gerichtet. Tödliches Aufbäumen; Versuche, sich zu ducken und zu schützen; Traumata. Das Bild eines nach seiner Mutter rufenden Kindes. Gemurmel aus dem Off: „I am still here“. Da eine melodiös singende Stimme, dort ein hässliches Lachen, Knirschen, Knarzen und Grollen.
„Until We Sleep“ gleicht einem getanzten Überlebenskampf – im Taumel des Bewusstseins zwischen Schlaf und mentaler Wachheit. Figuren transformieren sich beständig. Niemals wird der Schleier der Dunkelheit komplett gelüftet. Sogar in den wenigen helleren Szenen dominiert eine diffuse, nebelverhangene Atmosphäre. Das Licht bleibt so schwach, dass man die Haptik der fetzenartigen Kostüme (Ryan Dawson-Laight) kaum erkennt. Was angesichts ihrer Unterschiedlichkeit und Originalität schade ist. Wer gehofft hatte, wenigstens beim Schlussapplaus einen genaueren Blick auf die Outfits werfen zu können, wurde enttäuscht nach Hause geschickt. Niemand erscheint zu einer Schlussverbeugung.
„Until We Sleep“ verklingt in einem Funkenregen aus Licht zu Lounge-Musik. Währenddessen versichert man sich einmal mehr gegenseitig Zusammenhalt. Jordan Douglas, Shangomola Edunjobi, Larissa Koopman, Joshua Nash, Rose Sall Sao, Joshua Shanny-Wynter und Margaux Pourpoint drücken Victoria Shulungun nacheinander tröstlich die Hand, bevor auch sie als Letzte abgeht. Die Tanzfläche bleibt leer zurück. Das Licht im Saal geht an und die nun jazzig angenehme Musik dudelt immer weiter. Zu viel oder zu wenig? Genau richtig!
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