Tanzabend „Maillot/León & Lightfoot“, „Stop-Motion“ von Sol Léon & Paul Lightfoot, Tanz: Lucas Axel, Lisa Van Cauwenbergh am Staatstheater Nürnberg Ballett

Tanzabend „Maillot/León & Lightfoot“: „Stop-Motion“ von Sol Léon & Paul Lightfoot, Tanz: Lucas Axel, Lisa Van Cauwenbergh am Staatstheater Nürnberg Ballett

Herzensangelegenheiten

Das Staatstheater Nürnberg Ballett auf Topniveau

In Nürnberg begeistern Jean-Christophe Maillots „Les Noces“ und „Stop-Motion“ von Sol León & Paul Lightfoot

Nürnberg, 08/05/2024

Unvergesslich atemberaubend: Zwei Choreografien, die die Zeit um einen herum vergessen lassen und zutiefst berühren. Auf grundverschieden schlichte Art und Weise sind beide wahrhaft gigantisch. Nach Nürnberg passen sie ausgezeichnet, denn dort hat sich eine Riege im Kollektiv wie auch individuell persönlichkeitsstarker Interpret*innen mit spürbarer Begeisterung und intuitiver Vehemenz in die neue Herausforderung gestürzt. Der aktuelle Doppelabend „Maillot/León&Lightfoot“ des Staatstheater Nürnberg Ballett ist mitsamt Pause zwar nur eineinhalb Stunden lang, dafür aber tänzerisch und atmosphärisch derart intensiv, dass die packende Bildgewalt der zwei erstmals in Deutschland gezeigten Stücke lange nachwirkt.

Zueinanderfinden – Jean-Christophe Maillots „Les Noces“

Das erste – „Les Noces“ von Jean-Christophe Maillot zu Igor Strawinskys gleichnamiger Musik in einer Aufnahme der Pariser Oper unter Pierre Boulez von 1965 – fegt zu Gesang und Orchester in klarster, perfekt kontrollierter Schritttechnik wie ein geometrieverliebter Orkan am Auge des Betrachters vorbei. Die Übernahme ins Repertoire bot sich an, weil Maillot – wie sonst kaum – auf den Einsatz von Spitzenschuhen verzichtet. Schon nach 25 Minuten verlischt das Licht wieder über dem Brautpaar. Die geschwungenen, hell-durchscheinenden und anfangs im Hintergrund aufragenden Wandelemente werden zu Raumecken, die Lisa Van Cauwenbergh (Tochter/Braut) und Luca Branca (Sohn/Bräutigam) auf ihrem steil gen Himmel ragenden Hochzeitsbett zuletzt immer enger umschließen.

Maillot, der seit 31 Jahren erfolgreich Les Ballets de Monte-Carlo leitet und dessen Werke man hierzulande selten präsentiert bekommt, spart den intimen körperlichen Vollzug der Verehelichung nicht aus. Seine moderne Umsetzung des 1923 von Bronislawa Nijinska damals in unglaublicher Körperarchitektonik für die Ballets Russes kreierten Werks endet keineswegs – wie auch Jirí Kyliáns berühmtes „Svadebka“ – mit dem Betreten des Schlafzimmers. Maillot, der seine Protagonist*innen mit teils rasantem Tempo und irrem Drive regelrecht durch den von Komposition und Libretto vorgegebenen, forsch-zeremoniell angelegten Handlungsablauf jagt, beschließt diesen mit einem letzten gedehnten Augenblick: die Vermählten eindeutig innig umschlungen am Boden. Zuvor wurde die Frau vom Mann am s-förmigen Bett-Brett in die Höhe gestemmt. Ein fast akrobatischer Akt, dank dem sie ihm – schwerkraftbedingt – anschließend entspannt einfach in Arme und Schoß rutschen kann.

Am liebsten würde man sofort auf die Repeat-Taste drücken, so blitzartig ging die rituelle Zusammenführung vonstatten – immer wieder getragen von wunderbar in den Raum gezauberten familiären Trios oder Duetten. Dazwischen Szenen elterlichen Fortschubsens und wieder Zu-sich-Reißens, bevor die Kinder in ihre eigene Partnerschaft entlassen werden. Wer wer ist, kann man gut an den Kostümen (schwarz, grau, weiß) ablesen. Die Tänzerinnen und Tänzer strahlen Anspannung, Neugier und Freude aus, sei es mal reglos verharrend oder dynamisch in Bewegung. Im spektakulär-schönen Mittelteil scheint sich letzteres Gefühl durchzusetzen. Da ziehen die sechs Braut-Mädchen und sechs Braut-Jungen flott einen riesigen Tisch auf einem Schaukelgestell über die Bühne und katapultieren damit das erst in prompten Aufeinandertreffen, später durch Blicke und kleine Gesten langsam zueinander findende Hauptpaar erneut ins Zentrum des Geschehens.

Das tolle multifunktional einsetzbare Requisit wird zum Spielball bzw. Podest weiterer symmetrischer Formationen, die ihrerseits wieder – vergleichbar den famos inszenierten Gruppendiagonalen – sogar auf markante Momente der Urfassung zurückverweisen. Dies und viele choreografische Details verleihen Maillots fein und bis auf die darstellerische Emotionalität vollkommen durchstrukturierten „Les Noces“ eine geradezu monumentale Eindrücklichkeit.

Verlust und Befreiung – „Stop-Motion“ von Sol León & Paul Lightfoot

Videoprojektionen und weißer, choreografisch effektvoll und szenisch imposant aufgewirbelter Mehlstaub sorgen in „Stop-Motion“ von Sol León & Paul Lightfoot für visuelle Überwältigung. Mehr als 35 Jahre lang haben Sol León und Paul Lightfoot das Nederlands Dans Theater maßgeblich mitgeprägt. In München begeistert ihr thematisch düsterer Zweiteiler „Schmetterling“ seit einem Jahr das Publikum. Nun hat Nürnberg eine – wenngleich inhaltlich und in der Rollenverteilung rätselhaftere – Fortsetzung des ersten Teils „Silent Screen“ im Programm. Musikalisch (wie in München das titelgebende zweite Stück) entfesselt durch ein Medley aus unterschiedlichen Filmkompositionen von Max Richter.

Wie das frühere „Silent Screen“ ist „Stop Motion“ ein ungemein persönliches Stück. 2005 wurden unter Einbeziehung von Filmaufnahmen der damals sechsjährigen Tochter des nun getrennt lebenden Choreografenpaars das Verstreichen von Zeit, Vorgänge des Sich-Verlierens, Abschied und Trennung verhandelt. Neun Jahre später setzte sich das markant-eigenwillige spanisch-britische Duo mit der drohenden Gefahr auseinander, ihre künstlerische Heimat und die langjährige Produktionsstätte des NDT in Den Haag durch Abriss zu verlieren. 

Entsprechend emotional aufgeladen sind einzelne Passagen und betont ausdruckskräftige Soli dieser bisweilen mit einer durchs Halbdunkel schleichenden Gruppe raumgreifenden Arbeit. Über weite Strecken wird sie von Video-Einspielungen auf eine rechts ins Bild hängende Projektionsfläche dominiert. In altmodisch-opulenter schwarzer Robe wendet uns dort die zum Teenager herangewachsene Tochter der beiden Choreograf*innen den Rücken oder die ihr übers Gesicht rollende Träne zu.

Auf der weißen Tanzfläche darunter trägt Alisa Unzunova ein ebensolches mit langer Schleppe versehenes Kleid, bis sie sich – off stage – daraus befreit. Bestehen bleibt die Verkoppelung von Tanz und filmisch erzeugten Botschaften wie dem Fortfliegen eines Habichts dennoch. Eingebettet in die für León & Lightfoot typische choreografisch-beredte Abstraktheit finden Unzunova und der einzig ein weißes Hemd tragende Tänzer Óscar Alonso sich inmitten von sechs weiteren Akteuren wiederholt zum Paar zusammen. Zum Ende hin greifen sie – auf poetische Weise regelrecht insistierend – immer wieder auf ein- und dieselbe synchron ausgeführte Schrittfolge zurück. Doch der Ort, an dem sie letztlich in einer Pose des Davoneilens ineinander verhakt allein zurückbleiben, beginnt sich aufzulösen. Die Hänger an den Wänden vor den Brandmauern verschwinden. Das Scheinwerfer-Gestänge fährt herab. Der Vorhang fällt. Schlusspunkt einer kurios tiefgründig-melancholischen Geschichte, die die Zuschauer unwillkürlich berührt.

Den schlicht nach den Gastchoreograf*innen benannten Abend hat Ballettchef Goyo Montero bewusst ohne eigene Arbeit kuratiert. Damit bietet sich die Möglichkeit, sein fantastisches Ensemble einmal komplett anders zu erleben. Die Kür, sich als Kompanie auf stilistisch völlig neuem Terrain beweisen zu dürfen, gelingt den Nürnberger Tänzerinnen und Tänzern auf Anhieb bestens. Sie werden ebenso mit stürmischem Applaus belohnt wie auch die Gäste und ihre die Einstudierungen mitverantwortenden Assistenten. Bei diesem Topniveau soll es bleiben!

 

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