„FreeSteps – NiNi“ der Company HORSE
„FreeSteps – NiNi“ der Company HORSE

Im Rascheln des Papiers und Rauschen des Wassers

Zwei Performances von HORSE im Rahmen des DANCE Festivals

DANCE legt im diesjährigen Festival einen Schwerpunkt auf Taiwan und lädt hierzu die Gruppe HORSE ein, die in meditative Momente versetzt.

München, 15/05/2023
Von Fanny Schücke

Im Rahmen des DANCE Festivals zeigt die taiwanesische Gruppe HORSE zwei Performances aus Su Wei-Chia’s Reihe „FreeSteps“. Einmal „FreeSteps - Orogeny“ als Pop-Up Performance vor dem Carl-Orff-Saal und „Freesteps – NiNi“ als fester Programmpunkt vor der Muffathalle.
HORSE wurde im Jahr 2004 gegründet und legt einen großen Fokus darauf, nicht nur choreografische Arbeiten zu zeigen, sondern auch eine Plattform für internationale Zusammenarbeiten zu sein, Outreach-Programme zu kreieren und kuratorische Projekte zu gestalten.
Stark beeinflusst von seiner Zeit am Ballet Tech in New York, nimmt es sich Su Wei-Chia zur Aufgabe, innerhalb von 10 Jahren in den Performances der FreeSteps-Reihe Bewegungen zu entwickeln die die Grenzen des menschlichen Körpers erforschen.

„FreeSteps – Orogeny“

Ein meditativer Klangteppich, Rascheln, eine Hand die aus einem riesigen zerknüllten Papier herauskommt, ein Tanz zwischen Papier und Mensch. In ihren Bewegungen taucht die Tänzerin Chen Pei-Rong immer wieder in das Papier ein und wieder daraus auf. Das Papier wird zu ihrem Tanzpartner, und es entstehen immer wieder neue Formen im Raum. Das Papier wird zu etwas, das sie umgibt, das über ihr schwebt und in dem sie verschwinden kann. Die Bearbeitung des Papiers lässt es so aussehen, als wäre es schon mehrfach zusammengeknüllt worden. Diese Optik lässt das Papier einerseits viel agiler und bewegungsfreudiger wirken, als man es von Papier erwartet, und trotzdem wirkt es durch die Struktur auch immer wieder wie ein Fels. Es wundert einen beinahe, wie die Tänzerin dieses riesige Objekt mit so einer Leichtigkeit bewegen kann.

Nicht nur auf der visuellen Ebene wird das Papier zum Akteur, sondern auch auf der auditiven. Das Rascheln fügt sich in den meditativen Klangteppich ein, der aus einer Box am Rande kommt.
Ein meditativer Moment entsteht, in dem man sich immer wieder fragt, welche Form das Papier um den Körper als nächstes einnehmen wird und welche Assoziationen als nächstes entstehen. Es ist einer der Momente, der einen alles um sich herum für kurze Zeit vergessen lässt und die eigene Kreativität ankurbelt. Es erinnert ein wenig an die Momente, wenn man Bilder in den Wolken am Himmel sucht.

„FreeSteps – NiNi“

Ein Podest und eine Laterne, darum versammeln sich die ersten Menschen, die schon wissen, dass unter dem Licht dieser Laterne gleich etwas passieren wird. Bisher sind sie nur umgeben von Gesprächen und dem Rauschen des Wassers des Auer Mühlbachs. Die meisten der Menschen kommen gerade aus der Performance, die bis eben noch in der Muffathalle stattgefunden hat. Nach ein paar Minuten geht das Licht dieser Laterne an, und die Tänzerin Fang Yu-ting betritt den kleinen Platz vor der Muffathalle und besteigt das Podest. Ein meditativer Gong-Klangteppich beginnt aus den Boxen unterhalb des Podestes zu erklingen, begleitet weiterhin von dem Rauschen des Wassers. Fang Yu-ting beginnt mit einem fließenden, unendlich wirkenden Bewegungsablauf, der von Anfang bis Ende der Performance nicht abbricht. Die Bewegungen sind ein durchgehendes Rotieren um die eigene Achse, der Arme um den Körper, der Hände um die Arme. Durchgängige Wellenformen die sich immer wieder in unterschiedlicher Intensität durch alle Körperteile bewegen. Die nicht endende Rotation in Kombination mit dem durchgängig meditativen Soundteppich zieht einen so stark in den Bann, dass man vom Zusehen selbst in einen meditativen Zustand verfällt.

Ein wichtiger Akteur in dieser Performance ist das Licht. Die Straßenlaterne bildet ein Spotlight der von oben auf die Tänzerin herunter scheint. Dies kreiert ein Schauspiel von Schatten auf dem Körper der Tänzerin, die sich je nach Bewegungen stärker oder schwächer bemerkbar machen. Noch etwas bringt das Licht der Laterne zum Vorschein, die durch die Kälte des Abends verursachten Wolken des Atems der Tänzerin. Während sie wabernd in den Himmel aufsteigen, sichtbar gemacht durch die Laterne, wirken diese wie eigene kleine tanzende Momente, die zu den runden fließenden Bewegungen der Tänzerin wunderbar passen.

Öffentliche Wirksamkeit

Die umgebende Lichtstimmung wirkt auch auf die Performance ein, obwohl sie nicht dazu konzipiert worden ist. Die umliegenden, bestrahlten Bäume lassen eine fast mystisch wirkende Atmosphäre aufkommen, die gerade mit der meditativen Stimmung der Performance eine wirklich atemberaubende Szenerie bildet.
Ein wenig unglücklich gewählt ist die Location der Performance. Ein wichtiger Aspekt ist das Stattfinden im öffentlichen Raum, das die Begegnung der Performance mit dem Alltag der Menschen zulässt. Menschen, die nicht explizit wegen der Performance kommen, sondern deren Weg die Performance zufälliger Weise kreuzt. Auch wenn der Platz vor der Muffathalle theoretisch öffentlich zugänglich ist, so ist er doch so abgelegen, dass keine Passant*innen hier einfach vorbeikommen würden, wenn sie nicht ohnehin gerade im Rahmen des DANCE Festivals für diese Performance oder für die Performance in der Muffathalle da wären. Vielleicht wurden ein paar Zuschauer*innen in den Bann gezogen, die eigentlich beabsichtigt hatten direkt nach der Performance aus der Muffathalle nach Hause zu gehen, aber die Begegnung mit Menschen, die sich vielleicht mit Tanz kaum oder gar nicht in ihrem Leben beschäftigen, bleibt leider völlig aus. Im Gespräch sagt Su Wei-Chia, dass für ihn die Location hier im Rahmen des Festivals in Ordnung sei, da hier bereits ein großes Interesse an dieser Kunstform bestehe. In Taiwan ist die Wahl der Location von größerer Bedeutung, da hier das öffentliche Interesse an der Kunstform des zeitgenössischen Tanzes nicht so groß ist. Hier soll die Performance durch das Stattfinden im öffentlichen Raum und der Begegnung mit Menschen ein Beitrag zur Förderung der Kunst sein. In der heutigen Zeit der Smartphones wird etwas Außergewöhnliches, was einem im Alltag begegnet, meist sofort gefilmt und verbreitet, und dies nutzt die Performance zur Verbreitung des modernen Tanzes.

Beide Performances sind sehr gelungen und lassen die Zuschauer*innen in einen meditativen Moment eintauchen. Immer wieder entstehen vor den Augen des Publikums neue Formen und Bilder, die in einem solchen Fluss sind, von denen man sich kaum lösen möchte. Sie bieten einen Moment der Ruhe und des zu sich Kommens, egal ob man gerade im Alltag durch die Performance unterbrochen wird oder aus einer anderen eher aufwühlenden Performance im Rahmen des DANCE Festivals kommt. Su Wei-Chia hat es geschafft mit jeweils nur einer Tänzerin und keiner – oder nur mit einer – Requisite so spannende Momente zu schaffen, dass man fast traurig ist, wenn man wieder in seinen Alltag zurückkehren muss und dieser meditative Moment vorüber ist.

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation mit Studierenden des Instituts für Theaterwissenschaft an der LMU unter der Leitung von Anna Beke.

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