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München, 09.03.2010 Damit Tanz alles sein kann Einmal durchgetestet: Feldenkrais, Schauspiel, Gesang und Jazz in den neu eröffneten Performing Arts Studios in München Foto © Eugen Gebhardt
9. 30 Uhr. Es ist Samstag. Mein Experiment hat begonnen. Eigentlich komme ich immer nur zum Tanzen. Aber heute liege ich erstmal flach auf dem beheizten Schwingboden, höre, wie aus meiner Kehle Atem entweicht, wie neben mir eine Tanzkollegin durch die Nase Luft einzieht wie Schnupftabak. Ich will mich schulen in Körperwahrnehmung und beginne den Tag mit Feldenkrais. Denn: Ich habe beschlossen, mich heute zusammenzureißen und nur in EINE Tanzstunde zu gehen. Und sonst alle anderen Kurse mitzumachen, die die neu eröffneten Performing Arts Studios in München zu bieten haben – und das sind vor allem die Nachbardisziplinen Theater und Gesang. Deshalb bin ich heute extra früh aufgestanden und hab mich gleich als erste ganz oben in alle Kurslisten bei Anna am Empfang eingetragen. Anna und Nunzio Lombardo haben zusammen die Performing Arts Studios gegründet. Nunzio ist aber schon länger mein Tanzlehrer. Er meint, Singen, Schauspielen und die richtige Körperwahrnehmung helfen, Tanzen erst zu dem zu machen, was es eigentlich ist: Bewegung von innen heraus. Und das sieht bei mir an diesem Morgen zunächst so aus: Foto © Eugen Gebhardt
Zwischen einer Schwangeren und einem Bandscheibengeschädigten versuche ich zu erspüren, wie es meiner Schulter gerade so geht. Mein Körper wird von der Wärme der Fußbodenheizung angenehm durchflutet. „Vielleicht liegt die rechte Schulter tiefer als die linke...“ Die muntere Stimme der Lehrerin mit dem geheimnisvollen Namen Mahbuba wandert durch den Raum, zwischen uns Feldenkrais-Laien hindurch. Wie verspannt mein Nacken ist, merke ich erst jetzt. Anstatt meine Muskeln loszulassen, verkrampfe ich in meiner Konzentration auf die Unentspanntheit noch mehr. Ich blinzle, mache verbotenerweise die Augen auf. Die Sonne scheint über die großen Oberlichter verführerisch auf uns herab, Wolken ziehen vorbei. Eine Stunde lang nichts tun, außer den Körper zu spüren. Wenn wir Tanztraining haben, fangen wir auch mit Entspannung an. Da halte ich gerade so die nötigen drei Minuten durch, bevor ich nervös werde. Ich atme mit der Slowmotion-Kopfbewegung, die uns Mahbuba zeigt, leise aus, dann wieder ein. Vielleicht, denke ich, ist es wirklich erst mal besser, scheinbaren Stillstand zu ertragen, bevor man zu einem großen Sprung ansetzt. Trotzdem bin ich beruhigt, als ich nach der Stunde nicht die einzige bin, die vor allem eins spürt: Kribbeln. Bereit für den Tag. Jetzt könnte es losgehen. 10.30 Uhr Vor den Glastüren von Studio 1 drängeln sich bereits gut 40 Leute, wir kommen kaum noch raus. Es ist Open Day: Heute sind alle Kurse umsonst und zum Kennenlernen. Ich gehe mit dem Bandscheibengeschädigten – er heißt Rolf – die Treppe hinunter. „Ich fand das gerade super“, sagt er zu mir. „Ich will einfach ein bisschen entspannter werden, man hat ja so viel Stress im Alltag.“ Wir gehen zusammen in den Theaterkurs im mokkafarbenen Studio zwei. Schauspiel – wahrscheinlich das Gegenprogramm zur Entspannung. Michael ist unser Lehrer. Er hat an den Münchner Kammerspielen gelernt. Foto © Eugen Gebhardt
Wir, das sind zirka dreißig Leute, sollen kreuz und quer im Raum laufen, ohne zusammen zu stoßen, dann klatscht Michael und wir müssen abrupt die Richtung wechseln. Natürlich gewinnt zunächst der Herdentrieb, fast alle laufen brav hintereinander. „Ihr seid keine Goldfische im Glas“, ruft Michael, „ihr dürft den Raum nutzen.“ Ich emanzipiere mich vom Sog der Gruppe, laufe einfach mal allen anderen entgegen. Komischerweise fühle ich mich kein bisschen wie ein Falschfahrer. Dann: Pantomime, Körpersprache. Für uns Tanzschüler angenehm. Ich mache die Übung zusammen mit Yvonne, die auch mit mir tanzt. Sie ist Theaterpädagogin und kennt die Übung schon. „Viele von den Laienschauspielern, mit denen ich arbeite, konzentrieren sich immer erstmal total auf den Text. Aber ein Schauspieler muss seinen Körper kennen, das ist erstmal viel wichtiger“, sagt sie. „Ich finde das sowieso eine spannende Kombi: Tanz und Theater.“ Ich muss an japanischen Butoh denken. Die Tänzer sehen da immer aus wie in den deutschen expressionistischen Stummfilmen: Große aufgerissene Augen und Münder, fast schon Overacting. Klar, so muss man Jazz nicht tanzen. Aber vielleicht mit dem Bewusstsein, dass jede Bewegung ein Wort ist, der Tanz ein Text, eine Botschaft, die das Publikum lesen können soll. „Euer Gesicht tanzt mit“, sagt unser Tanzlehrer manchmal. Und meint damit nicht, dass wir vor Anstrengung die Stirn runzeln sollen. Foto © Eugen Gebhardt
Beim Schauspieltraining schickt Michael jetzt Klatschimpulse durch die Gruppe. Manche Teilnehmer sind nicht präsent, der Impuls versackt. In der Gruppe verstecken funktioniert nicht. Sicher auftreten – das will auch Bernadette in ihrem Job, deshalb testet sie heute Theaterspielen aus. Sie ist Erzieherin und muss regelmäßig auf Elternabenden überzeugen. „Singen und Tanzen – das ist mein Leben“, sagt sie zu mir. Sie wohnt eigentlich in Rosenheim, schaut aber momentan nach einer Wohnung in München. Sie will extra herziehen, damit sie es nicht mehr so weit zum Studio hat. Vor allem, wenn sie jetzt auch noch Unterricht in allen drei Fächern nehmen will. Und schon ist die Stunde rum. Ich bin aufgekratzt und voller Energie, wir haben böse Blicke geübt, schüchterne Blicke, ich durfte ein bisschen rumbrüllen und mein Gesicht vor Zorn falten. Und ich hätte Lust, jetzt so richtig loszulegen. Foto © Eugen Gebhardt
11. 30 Uhr. Aber nach der Gesichtsgymnastik kommt erst mal das Gesangstraining. Lehrer Ray mit dem Sportkäppi und den schwarzen Handstulpen stand lange Zeit auf den Bühnen von Stella Musical. Schon krass, wer uns Laien unterrichtet. Halt, stimmt nicht ganz: Michaela, die neben mir steht, ist schon fertige Musicaldarstellerin. Sie nimmt auch Einzelcoaching bei Nunzio. Von ein paar anderen weiß ich, dass sie eine Musical-Ausbildung machen wollen. Steffi hat sich das mal überlegt. „Hätte es so eine Schule wie die Performing Arts Studios ein paar Jahre eher gegeben...“, Steffi ist zwar erst 23, sieht aber trotzdem keine Chance mehr für sich und die Musicalkarriere. Aber sie ist froh, dass sie jetzt ihren Traum in ihrer Freizeit leben kann. Bislang kannte sie keine Schule mit offenen Kursen in Tanz, Schauspiel und Gesang – und das auf internationalem Profi-Niveau. Einfach nur so Gesangsunterricht nehmen, möchte sie nicht. „Oft ist es nämlich so: Wenn man Gesangsunterricht hat, dann steht man nur am Klavier und singt. Hier kann ich die böse Diva dabei spielen...“ Steffi reckt ihren Hals, wirft mir einen feurigen Blick zu und faucht mich an. Aber bevor wir bei Ray überhaupt an ein Lied denken können, müssen wir uns erstmal technisch eingrooven. Dazu sollen wir im Kreis laufen und unsere Stimme zu sich steigernden Akkorden in die Höhe treiben. Die erste Oktave: kein Problem. Als ich dann mein gewohntes und gut trainiertes Mittelregister verlasse, ich meine persönliche Schallmauer durchbreche und der Raum für die Stimme immer enger wird, bekomme ich leicht Panik. Ich habe einen Sprechberuf. Ich brauche meine Stimme. Ray beruhigt uns. „Die Stimme ist wie ein Muskel, man kann sie trainieren. Wer hat schon mal so hoch gesungen wie eben?“ Fünf von 35 Händen gehen nach oben – meine ist nicht mit dabei. „Ihr müsst das öfter machen. Wenn ihr euch nicht an eure Grenzen ranwagt, dann kommt ihr da auch nie drüber.“ 12. 25 Uhr Mit einem leicht knödeligen Hals haste ich in die Umkleide. Schnell die Tanzklamotten anziehen. „Warum sind wir eigentlich so wahnsinnig und verbringen ganze Wochenenden im Tanzstudio?“ frage ich Steffi, während ich die Stulpen über die Socken ziehe. „Wir sind süchtig“, lacht sie. „Na, Du weißt doch... hier ist einfach eine andere Stimmung als draußen. Du kannst alle Sorgen vergessen. Stimmt's?“ - „Ich muss echt mal sagen“, schaltet sich Marion ein, „hier ist eines der wenigen Studios ohne Zickenterror.“ - Ja, das ist manchmal schon erstaunlich. Wir sind eigentlich alle total unterschiedlich. Manche sind zehn Jahre jünger als ich, andere zehn, zwanzig Jahre älter. Und trotzdem kommt man mit jedem total einfach in Kontakt. „Meine besten Freunde hab ich übers Tanzen gefunden“, meint Bernadette. „Man kommt hier an und ist einfach da. Hier ist keiner fehl am Platz.“ Ich muss schmunzeln. Noch schnell das T-Shirt überziehen... Gestern sind wir fast bis Mitternacht hier rumgehangen. Ich frage mich, wann unsere Tanzlehrer, Anna und Nunzio, überhaupt schlafen. Aber selbst Schuld: Sie hätten ja kein Café in ihrer Tanzschule einrichten müssen... Foto © Eugen Gebhardt
12. 30 Uhr Endlich darf ich tanzen. Ich freue ich mich wie jedes Mal auf das 30-minütige Warm-up. Es ist immer dieselbe Abfolge auf dieselbe Musik. Ein ausgeklügeltes System, alle Übungen bauen aufeinander auf und bringen den Körper stufenweise dazu, sich mehr und mehr zu dehnen und alle Muskeln aufzubauen, die zum Tanzen nötig sind. Es geht von der absoluten Ruheposition bis zur maximalen Streckung, vom Loslassen im Atmen bis zur kontrollierten Bewegung. Man findet heraus, wo die Grenzen des Körpers sind, die man heute respektieren und morgen vielleicht schon überschreiten kann. Aber bis dahin muss man viel, viel üben. Nunzio beruhigt deshalb erstmal die vielen Neulinge vom Open Day und erklärt ihnen, dass sie einfach bei den etwas erfahreneren Schülern abschauen sollen. „Bitte macht Fehler“, sagt er auf Englisch. „Nur wer Fehler macht, kann sich verbessern. Deshalb: Gebt nie auf!“ Einer seiner Leitsätze, auf den er uns öfter einschwört. Der aber funktioniert, je öfter man ihn hört. Nach der Hälfte des Warm-ups ist mein Kopf hochrot und mein Pony klebt auf der Stirn. „Entspann Deine Hand“, ruft mir Nunzio über drei Reihen hinweg zu. Er hat meine misslungene zweite Position im Spiegel gesehen und mich ertappt. Mich erstaunt es immer wieder, wie er es schafft, auch wenn wir viele sind, auf jeden und jede Kleinigkeit zu achten. Nunzio schaut sich jeden im Raum einzeln an. Sagt jedem das, was für ihn gerade am Wichtigsten ist. Alle machen dasselbe, aber jeder macht eigene Fortschritte. Sabine ist zum ersten Mal da. Sie keucht: „Krass...“. Aber ihre Augen leuchten. „Ich war grad total überfordert, aber ich hab nicht das Gefühl, dass das schlimm ist. Nunzio ist echt nett.“ Für ihn zählt, ob jemand alles gibt, nicht, ob jemand alles kann. Foto © Eugen Gebhardt
Und bei der Choreografie ist die Technik zwar nie ganz einfach, aber am Ende dann doch nicht ganz so wichtig wie der Ausdruck. „Was empfindet ihr bei der Musik?“ fragt er, nachdem er ein paar Takte „2000 watts“ von Michael Jackson angespielt hat. Viel Percussion, harte Schläge, treibend. Manche trauen sich, was zu sagen: Energie, Power, kommt als Eindruck. „Ja, dann tanzt das“, sagt Nunzio und zeigt die ersten Bewegungen. Was der Körper kann, ist die eine Sache, die viel Training erfordert. „Tanzen ist aber nicht nur Technik“, versucht Nunzio uns klar zu machen. „Tanzen ist was anderes.“ Für ihn ist das zum Beispiel: Die Musik zu erfassen, in Bewegung umzusetzen, in Ausdruck zu verwandeln. Am Anfang der Jazz-Choreographie sollen wir posen. So, als wären wir coole Gangmitglieder. Wie praktisch, dass wir in der Schauspielstunde bei Michael den „Herrenblick“ geübt haben. Ein Blick, der bestimmt und beherrschend ist, der andere dazu bringen soll, die Augen zu senken. Und genau den packe ich jetzt aus. Ich mag die Choreografie, sie ist stark und cool, trotzdem sind die Bewegungen nicht abgehackt, sondern organisch. Foto © Eugen Gebhardt
Manchmal merkt man, dass Nunzio schon auf vielen Musicalbühnen gestanden hat: London, „Cats“... Da gibt es diese eine Position auf dem Boden, wo wir auf den Zehenballen wie eine Katze kurz vor dem Sprung knien, die verwendet er gerne in verschiedenen Varianten. Dass Nunzio ursprünglich ein sehr erfolgreicher klassischer Tänzer war und sogar „Le Corsaire“ getanzt hat, kann ich mir manchmal kaum vorstellen. Weil er so gar nicht klassisch-steif daherkommt, bei ihm gehen die Tanzimpulse immer durch den ganzen Körper. Musical war für Nunzio eine prägende Entdeckung. „Tanzen alleine war mir irgendwann nicht mehr genug“, erklärt er mir. „Irgendwann beginnt der Körper zu singen...Du willst Dich mehr und mehr ausdrücken – alles nimmt seinen Lauf...“ Er fasst sich an die Brust, als ob es da noch ganz viel gäbe, was man selbst mit Singen und Schauspielen und Tanzen nicht rauslassen kann. Die anderen Künste haben das Tanzen bei ihm aber nicht zum Schattendasein verdammt, sondern in eine andere Ausdrucksdimension überführt. Damit Tanz alles sein kann, sollte auch ich vielleicht öfter über den gewohnten Bereich hinausschauen. Denn je größer das Instrumentarium ist, mit dem ich mir die Seele auf den Leib schreiben kann, desto mehr fange ich eigentlich an zu tanzen. www.pa-studios.net Autor: Katharina Hübel |
Foto © Eugen Gebhardt
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