Marie Preußler
Marie Preußler

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Marie Preußler und Johannes Härtl leiten Iwanson International, eines der größten privaten Ausbildungsinstitute für zeitgenössischen Tanz in Europa

Access to Dance, das Tanzportal für Bayern, befragt Tanzschaffende in Bayern zu ihrer Arbeit während der Pandemie. Marie Preußler und Johannes Härtl haben die Ausbildung im letzten Jahr fortlaufend geändert und nehmen einige Impulse davon mit in die Zukunft.

München, 11/02/2021
Iwanson International hat durchschnittlich 80% der Lehrer*innen und Student*innen aus dem Ausland. Wir haben mit dem Leitungsteam über die Herausforderungen, die Konsequenzen und die positiven Impulse der letzten Monate gesprochen.

Marie, Hannes, bis auf sehr kurze Ausfälle lief und läuft die Tanzausbildung am Iwanson ja weiter. Wie habt Ihr das gemacht und wie hat das mit den vielen internationalen Student*innen und Lehrer*innen funktioniert?


Preußler: Wir haben Hygiene- und Sicherheitskonzepte entwickelt: Abstandsregelungen, kleine Gruppen, „Buddy-Prinzip“ (also Partnering mit einem fixen Partner über mehrere Monate), Bereitstellung von Masken. Wir haben technisch aufgerüstet, mit Lüftungstürmen, professionellen Filmteams und Kamera- und Ton-Equipment für Online-Projekte, und wir haben alle kreativ und nach ihren Möglichkeiten eingebunden in die Suche nach Lösungen. Gastlehrer*innen, die z.B. aus Großbritannien nicht einreisen dürfen, haben wir auf später im Jahr verschoben. Unsere Dozent*innen haben sich in Rekordzeit ins Zoom-Teaching reingefuchst, das war kollektives Learning-by-Doing.

Härtl: Unser Ansatz, die Situation gemeinsam bewältigen zu wollen, hat sicher geholfen, die Student*innen und Lehrer*innen zusammenzuschweißen, es gab ganz bald wöchentliche Feedback-Runden für die Studis und virtuelle Lehrerzimmer für unsere Dozent*innen zum Austausch. Viele der StudentInnen, die über Weihnachten in ihre Heimatländer gefahren waren und online teilgenommen hatten, sind schon wieder zurück nach München gekommen oder erwarten wir in den nächsten Wochen zurück. Aber allein die jeweiligen Länderinformationen zur Einreise oder Quarantäne-Bedingungen etc. jeweils aktuell und möglichst auch in der Landessprache zu finden, hat natürlich neben all den anderen zusätzlichen Orga-Jobs einen riesigen administrativen Aufwand erfordert.

Welche waren die größten Herausforderungen der letzten Monate?

Preußler: Am schwierigsten zu bewältigen war für uns zum einen das Tempo, mit dem neue Regeln bekannt gegeben wurden. Wir konnten nur ganz schwer Planungssicherheit aufbauen, denn innerhalb weniger Tage hatten sich Eckpfeiler schon wieder geändert. Weil wir diese Schwankungen so natürlich nicht an unsere Student*innen und Lehrer*innen weitergeben wollten, haben wir sehr schnell und meist selbständig die bestmögliche Umsetzung finden müssen. Denn zum andern gab und gibt es für Privatschulen überhaupt nur ganz wenige dieser Eckpfeiler, an die wir uns halten konnten.

Härtl: Es hat sich niemand für uns zuständig gefühlt, weder das Gesundheitsamt noch das Kultusministerium, weder die Kommune noch das Land oder der Bund. Wir haben uns letztendlich an den Regeln für Hochschulen orientiert, aber dieser Schwebezustand betrifft die gesamte private Ausbildungsbranche. Wir begrüßen und unterstützen daher ausdrücklich die Initiative des Dachverbandes der deutschen Tanzpädagogen, die dieses Thema öffentlich machen und Abhilfe fordern.

Preußler: Die Bildung einer inspirierenden, alters-, leistungs- und nationenübergreifenden Community, die sonst Iwanson auszeichnet, ist durch die Distanz merklich erschwert.

Wie funktioniert Online-Unterricht beim Tanzen?

Härtl: Teilweise sogar hervorragend. Es gibt weniger direkte Vergleiche, so dass die künstlerische Entwicklung ungestörter verläuft. Man konzentriert sich mehr auf die eigene Bewegung, etwa in einer Improvisationsstunde. Kraft und Dehnung kann man gut im Heimstudio trainieren, Kondition eigentlich auch. Da gibt es keinen Qualitätsverlust in der Ausbildung, im Gegenteil. Aber Bewegungen austanzen, sich im Raum spüren, den Kontakt zum Partner, zur Partnerin, der Gruppe, das funktioniert natürlich digital nur sehr bedingt. Und außerdem verfügen natürlich nicht alle Student*innen über die gleichen Möglichkeiten, bezüglich des Platzes oder der technischen Ausstattung. Dozent*innen können hier aus den Studios online unterrichten, wenn sie das wollen.

Preußler: Was sich wunderbar etabliert hat, ist eine Begegnung im digitalen Raum: vor und nach den Stunden sind die Chats immer offen, um sich auszutauschen und einen Kontakt zu pflegen, wie er ansonsten in den Studios von ganz allein entsteht. Über die Klassen hinweg ist das leider nur eingeschränkt möglich. Man bleibt halt nur in der eigenen Gruppe. Das ist schon ein Manko, denn auch das gehört zur Ausbildung dazu: der Kontakt zu anderen Semestern, der Aufbau eines Netzwerks. Wir ersetzen das momentan durch gemeinsame Zooms der Online-Showings und die Video-Projekte. Und die Abschlussklassen proben live mit den Choreograf*innen, wenn die Regeln es erlauben. Allerdings auch da – in kleinen Gruppen und mit großem organisatorischen Aufwand.

Wie geht es Euren Student*innen und Lehrer*innen? Wie unterstützt Ihr sie?

Härtl: Ich glaube, die meisten kommen erstaunlich gut damit zurecht, nicht zuletzt dank des großen Einsatzes unserer Lehrer*innen und unseres Büros, die sehr viel Zeit und Energie verwenden, um die Kommunikation aufrecht zu halten und um exzellente Lehrinhalte adäquat zu vermitteln. Struktur und Motivation sind zwei Schlüsselbegriffe: Wir haben uns deshalb für alle Stufen etwas Besonderes einfallen lassen, also zum Beispiel professionell gedrehte Videos der Soli für die Abschlussklassen, besondere, vier Wochen lang laufende Online-Projekte für die mittleren Ausbildungsstufen, und auch für die Erstis gab‘s ein „Bonbon“: die kamen nämlich – anders als im normalen Curriculum – schon im ersten Ausbildungsjahr in den Genuss von Workshops mit internationalen Gastlehrer*innen.

Preußler: Mit vielen der Gastlehrer*innen hätten wir im Normalfall entweder gar nicht oder nicht so lange arbeiten können. Das ist ein echter Mehrwert! Viele der Choreograf*innen konnten ihre Jahresplanung nicht umsetzen, und so waren plötzlich Größen verfügbar, die wir sonst für unsere ersten Jahrgänge gar nicht einplanen. Wir sind uns dessen bewusst, dass die Eingewöhnung für sie ohne eine professionelle Umgebung besonders schwer ist. Auch bei den 4-Wochen-Projekten für die mittleren Stufen haben wir die Planung über die Lockdown-Periode hinaus ausgeweitet, einfach, damit die Leute wissen, woran sie sind. Mit einer langfristigen Planung stellt sich wenigstens so etwas wie ein „Alltag“ ein, mit Routine statt ständiger Überraschungen.

Härtl: Wir unterstützen außerdem viele Student*innen auch finanziell, indem wir Ihnen Stipendien zukommen lassen, oder die Unterrichtsgebühren als Kredit stunden. Viele haben ihre kleinen Jobs nebenher verloren, die Unterstützung durch die Eltern ist ebenfalls schwieriger geworden. Unsere eigenen Finanzen haben wir selbst mit einem Kredit stützen müssen, denn wir hatten und haben deutliche Mehrausgaben, allein durch Streaming und arg reduzierte Zuschauerzahlen bei den Vorstellungen. Aber wir sind zuversichtlich, dass sich vieles nach der Pandemie wieder normalisieren wird.

Habt Ihr neue Formate entwickelt, die vielleicht sogar auch nach der Pandemie beibehalten werden?

Preußler: Definitiv. In all den Umwälzungen finden wir einen deutlichen Mehrwert bei bestimmten Formaten und Projekten selbst und beim Lerneffekt, den sie auf die Eigenständigkeit der Student*innen haben.

Härtl: Nehmen wir als Beispiel das diesen Februar laufende Video-Format mit Hannes Langolf aus London für die 2. Jahrgänge, bei dem die Student*innen jeweils einen Kommilitonen/eine Kommilitonin porträtieren. Das bringt eine ganz neue Dynamik, ermutigt zu anderen Perspektiven, konzeptionell, tänzerisch und kulturell. Wir verleihen dazu GoPros und Mikros, es gibt Anleitung zu Instrumenten wie Mood-Boards und zum Schnitt.

Preußler: Das erweiterte Angebot der Online-Auditions werden wir im Sinne eines klimaneutralen Vorgehens beibehalten.

Wie seht Ihr die Zukunft der Tanzausbildung? Welche Impulse haltet Ihr für wichtig und nachhaltig?

Härtl: Natürlich wünschen wir uns alle erst mal ein Ende der Pandemie. Pädagogische Arbeit ist auf Dauer ohne Präsenzunterricht nicht zufriedenstellend. Aber in diesen Lockdown lernen die Student*innen, dass die Zeit, die sie in der Ausbildung verbringen, egal ob mit oder ohne Lockdown, ob live oder digital, dass diese Zeit „ihre“ Zeit ist, dass sie sie nutzen müssen, um bereit zu sein für den Beginn ihrer Berufslaufbahn. Diesen Impuls würde ich gern verstetigen, denn das verstärkt die Selbständigkeit der Student*innen.

Preußler: Der globale digitale Austausch hat künstlerische Formate entstehen lassen, Impulse zum Einsatz neuer Technologien gegeben. Da muss auch die Tanzausbildung mitziehen und diese Entwicklung in den Lehrplan aufnehmen. Die pädagogischen Fortbildungen für Lehrkräfte, die Gabi Würf online entwickelt hat, war enorm erfolgreich, weil die Pädagog*innen nicht extra anreisen müssen und zum Teil auch die Online-Technik selbst erlernen.

Härtl: Durch eine Impulsförderung des Dachverbandes Tanz konnten wir Recherchen zu neuen Projekten und Portalen finanzieren, die wir in den kommenden Monaten umsetzen werden. Die Ausbildung am Iwanson fokussiert ja nicht nur Technik und Kenntnis der zeitgenössischen Strömungen, sondern wir legen viel Wert auf die Ausbildung einer künstlerischen Persönlichkeit. Und Selbstorganisation, Selbstpräsentation, Disziplin und Selbstmotivation, all diese Dinge, die jede/r Künstler/in immer wieder aus sich schöpfen muss, das wurde in den letzten Monaten extrem trainiert und das ist ein nachhaltiger Effekt.

Preußler: Auch die theoretischen Formate zur Tanztheorie und Geschichte des Tanzes haben unsere Student*innen dazu gebracht, sich mehr Hintergrundwissen zu verschaffen. Das hat sich sehr bewährt und das werden wir sicher beibehalten. Auch ohne Lockdown sind das Formate, die gut digital funktionieren und unsere Raumsituation entspannen. Inzwischen gibt es einen ganzen Korpus an Referaten über zum Beispiel einzelne zeitgenössische Choreograph*innen, den wir verfügbar machen wollen, zunächst nur intern.

Härtl: Die Kooperationen mit dem Tanzbüro München mit Workshops über Freelancing, die KSK und Förderstrukturen fanden wir sehr hilfreich für unsere Absolvent*innen. Das sind Informationen für die Zeit nach ihrer Ausbildung, mit denen sie gut starten können. Wir blicken optimistisch in die Zukunft und möchten dieses positive Mindset gerne an unsere Student*innen und Dozent*innen vermitteln.

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