Ein Projekt im Rahmen von Access to Dance gefördert durch

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München, 12.07.2010

Großartige, brillante und ganz verschiedene Handschriften.

"Körpersprachen III" am Münchner Gärtnerplatztheater

"Sleepers chamber" von Christian Spuck. Ensemble. Foto © Lioba Schöneck

Sie waren wieder wunderbar, die Tänzer von Hans Henning Paars Tanztheater am Münchner Gärtnerplatztheater. Ganz selbstverständlich virtuos haben sie sich in Stil und Atmosphäre von Christian Spucks „Sleepers Chamber“ ( 2007) und Gustavo Ramirez Sansanos Kreation „Everything“ hineingetanzt, hineingefühlt. „Körpersprachen“ ging mit diesen beiden Gästen in seine dritte Runde – und machte nochmal pointiert bewusst, dass sich im Tanz seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine faszinierende Vielfalt von Körpersprachen herausgebildet hat.

"Sleepers chamber" von Christian Spuck. Ensemble. Foto © Lioba Schöneck

Großartig, brillant und ganz verschieden die hier präsentierten Handschriften. Darin liegt die Stärke des Abends. Inhaltlich, diese Kritik muss sein, hätte man sich mehr Logik, mehr dramaturgische Stringenz gewünscht. Christian Spuck, Stuttgarts renommierter Hauschoreograf und ab 2012/13 Ballettchef in Zürich, ließ die Ausgangsidee des Terroristen-Schläfer-Phänomens (siehe Titel) und der Tier-Tarnung einfach hinter sich. Die Ideen-Überbleibsel schaffen lediglich Atmosphäre. In einer kafkaesk düsteren „Chamber“ (Bühne auch von Spuck), bedroht von im Hintergrund lauernden Schattenriss-Riesenheuschrecken, folgen und überschneiden sich rasante Sequenzen: vier synchrone Männer, eine Frau zwischen zwei Männern, drei Paare, dann alle acht Tänzer. Hoch geschlagene Beine, kreisende Arme, kantig verwinkelte Gesten, rollende Körper am Boden, die sich auch kurz unter den Tanzteppichbahnen verstecken (hier eine Andeutung des im Titel versprochenen Themas). In den viril-dynamischen neoklassischen Stil – initiiert in den 80er Jahren vom großen William Forsythe – hat Spuck der Insektenwelt abgeschaute Bewegungen von flink tastenden Fühlern und sprungbereiten gewinkelten Beinen auf raffinierte Weise eingewebt. Und zwar so „hauteng“ passend auf Martin Donners echohafte, rhythmisch schlagende elektronische Musik, dass man unweigerlich in diese Präzisionsdynamik hineingezogen wird. Sich dann auch nicht mehr fragt, warum diese wie fremdgesteuerten Figuren immer mal wieder hohe spitze Hüte tragen.

"Everything" von Gustavo Ramirez Sansan. Marcos Mariz, Meng-ke Wu. Foto © Lioba Schöneck

Ist Spuck ein kühler Tanz-Architekt, bekennt sich der Spanier Gustavo Ramirez Sansano, Ex-Tänzer des Nederlands Dans Theaters und längst sein eigener Kompaniechef in Valencia, ganz zum Gefühl. Er möchte zeigen, dass vergangene Beziehungen als belastende Schatten in eine neue Partnerschaft hinüberreichen. Luis Crespo hat ihm dafür zwei hohe an einer Seite offene transparente Türme gebaut. Und bei Drehung und ausgetüfteltem Licht (Wieland Müller-Haslinger) entstehen tatsächlich Spiegelungen, quasi verschwommene fotographische Schatten der sich in und um die Türme bewegenden Tänzer. Dieser Effekt erschöpft sich jedoch bald. Und das, womit uns Sansano zu Beginn zu packen versteht: diese Gefühlsspannung, so etwas wie ein seelischer Atem unmittelbar in der tänzerischen Geste selbst zweier sich begegnender Menschen – auch das verflüchtigt sich in den Wiederholungen, in der Beliebigkeit des (warum?) umhermarschierenden Ensembles. Wer liebt hier wen? Wer leidet unter wem? Eine kluge Dramaturgie beginnt übrigens schon beim Titel. Der lautet hier nichtssagend „Everything“.

"Everything" von Gustavo Ramirez Sansan. Marcos Mariz, Hsin-I Huang. Foto © Lioba Schöneck

Mit nach Hause nimmt man Sansanos zeitgenössische, für immer wieder neue Einfälle offene Tanzsprache, wie sie die Musik von Philip Glass phrasiert, Zeit dehnt und rafft; wie die Körper, schwerelos, eine zweite Stimme dazu singen.

14., 29. Juli; 22. 12.. Weitere sechs Vorstellungen 2011; Karten: 089/2185-1960

Autor: Malve Gradinger

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tanznetz.de Redaktion
12.07.2010, 12:25

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