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München, 11.05.2010 Tanz vom andern Stern Die Terpsichore-Galas IX und X präsentierten besonders illustre Gäste
Lucia Lacarra in "Der Sterbende Schwan". Foto © Charles Tandy Trotzdem bot das zweitägige Programm ein unglaubliches Panorama an Tanzkunst. Der Samstag war dem stilistischen Spagat der Kompanie gewidmet, dank dem sie sowohl klassische als auch moderne Stücke auf höchstem Niveau präsentiert: Unter dem Motto „Kontraste“ folgte etwa Forsythes „Two Part Invention“ auf den Schattenakt aus „La Bayadère“, Fokines „Sterbender Schwan“ auf Limóns „Chaconne“. Der Sonntag wanderte dann entlang der Chronologie der Choreografen, von Petipas „Jardin animé“ hin zu Terence Kohlers Uraufführung „ONE.third“. Das Staatsballett definiert sich also in erster Linie durch künstlerische Vielfalt, erst danach durch seine Geschichte. Die zweite Herausforderung der eigenen Geburtstagsgala: Nicht nur mit dem „Familienalbum“, also bekannten Stücken, langweilen. Eine unbegründete Sorge, denn eine Handvoll illustrer Gäste brachte an beiden Abenden so viel Schwung ins Haus, dass sich der Satz „Schon wieder Don Quichote“, den man gerade noch denken wollte, einfach zu Nichts vaporisierte. Die Kubaner Viengsay Valdés und Elier Bourzac als Kitri und Basilio tanzten fachliche Erbsenzählereien einfach an die Wand! Die unverhohlen kokette Ballerina mit der aufregenden Figur und der strahlende Havanna-Apoll mit dem Selbstverständnis eines Matadors ernteten den Applaus des Jahres. Valdés’ Balancen und Pirouetten sind auch schlicht einzigartig. Sie ist wohl derzeit die einzige Tänzerin, die sich mit der sagenhaften Bolschoi-Kitri Natalia Osipova messen kann. Das Gegengewicht zu diesem rauschenden Erfolg bildete der Auftritt von Uljana Lopatkina. Ihre Interpretation von Van Manens „Trois Gnossiennes“ war aus zweierlei Gründen bemerkenswert: Einerseits tanzt die legendäre Mariinsky-Ballerina mittlerweile auf einem Niveau, das sie jeder Kritik enthebt. Schwerelos, ein sternenweißes Wunder an Koordination und Ausdruck. Andererseits setzte sie selbst diese Wirkung (wissentlich oder unwissentlich?) in Kontrast zu einem sehr speziellen Partner: Ivan Kozlov. Kozlov ist freischaffender Solist, dessen Biografie beachtliche Referenzen enthält, der aber aufgrund seiner inzwischen sehr kräftig gewordenen Statur unter weniger festlichen Umständen wohl nicht mehr als Tänzer anerkannt würde. So ergab sich eine höchst ungewöhnliche Kombination aus ätherischer, russischer Tanzkunst und allzu irdischer Vergänglichkeit. Eine Wirkung, die van Manen aber nie intendierte – und die einiges über Lopatkinas Konzept von Tanz verrät, das sich offenbar von allem Körperlichem gelöst hat und nur Emotion zählen lässt. Daria Sukhorukova mit Irène Lejeune, von der sie einen Tanzpreis erhält. Foto © Charles Tandy
Sprungwunder Daniil Simkin in „Le Corsaire“ (dessen Partnerin Maria Riccetto leider wenig mit ihm harmonierte), Alina Cojocaru und Rupert Pennefather im reinen, weißen „Diamonds“-Pas-de-Deux, Sylvie Guillem in Mats Eks „Apartment“ – auch sie entführten die Münchner in fremde Welten, in denen der Tanz ganz andere Prioritäten setzt und andere Wirkungen erzielt. Wer genau hin sah, erlebte aber auch mit den Münchner Stars Überraschungen. So mit Daria Sukhorukova, die vor drei Jahren, noch etwas ungestüm, vom Mariinsky-Ballett an die Isar kam. Inzwischen hat sie ihren eigenen reinen, klassischen Stil gefunden, wie der „Sylvia“-Pas-de-deux mit Tigran Mikayelyan beweist – und der auch sogleich mit dem neu aus der Taufe gehobenen Irène-Lejeune-Preis belohnt wurde. Oder Stephanie Hancox: Ihre losgelassene „Isadora“-Interpretation unterschied sich erheblich von derjenigen Sherelle Charges, die man aus vergangenen Galas kannte. Javier Amo Gonzalez ist auf seinem Weg nach vorne um eine ergreifende „Chaconne“ weiter. Terence Kohler meißelt in seinem neuen Wurf „ONE.third“ noch feinere Pas de deux. Und auch Lucia Lacarra und Cyril Pierre sind gewachsen: Ihr mit Judith Turos einstudiertes „Shannon Rose“-Duett transportiert viel lebhaftere Emotionen als sie noch vor fünf Jahren in der Lage zu zeigen waren. So führt die Terpsichore Gala X letztlich auf die Spur der Liebe, mit der sie ja auch begann: Mit der Liebe zum Tanz, erzählt von Norbert Graf. Simone Sandroni schuf für den Kammertänzer die Miniatur-Biografie „P.S. Norbert Graf. Schütze, Ascendent Skorpion“, in der er persönliche Gedanken offenbart und seine wichtigen Rollen durchlebt. Ein wunderbares Geschenk für Graf und alle, die ihn lieben. Wenn man es recht bedenkt: Hätte man einem Kylián-Beitrag zuliebe ausgerechnet „P.S. Norbert Graf“ streichen müssen – dann wäre ein Mal „Zugvögel“ doch genug gewesen. Autor: Isabel Winklbauer |
Daria Sukhorukova mit Irène Lejeune, von der sie einen Tanzpreis erhält. Foto © Charles Tandy