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München, 05.05.2010 Musealer Glanz und verborgene Sprengkraft 100 Jahre Ballets Russes bei den Münchner Ballettfestwochen Mit viel Ausstattung, Kostüm und Drama beginnt die Zeitreise durch hundert Jahre russisches Ballett. Die Szenen von Fokines Jahrhundertwendestück „Shéhérazade“ sind komponiert wie ein Historiengemälde: Das Bühnenbild dominiert, die wülstigen Seidenvorhänge stülpen sich von der Decke, zwei Riesenkronleuchter beginnen in rotorangem Licht von innen heraus zu pulsieren, die gemalten Innenräume eines arabischen Palastes verleihen dem Bühnenraum realistische Tiefenwirkung. Das Dekor und die Kostüme sind original rekonstruiert, wohl keine ganz leichte Aufgabe, wenn man dem ausführlichen Begleitprogramm, fast schon muss man sagen: Begleitbuch zum Abend, Glauben schenken mag. Die Anordnung der Figuren in diesem überdimensionierten lebendigen Gemälde ist streng harmonisch komponiert auf dieser Bühne, die sich zunächst vor allem selbst präsentiert. Das ändert sich freilich mit den Soli. Der geschmeidige, bis zur äußersten Dehnung biegbare Rücken von Lucia Lacarra wölbt sich sanft in Richtung Boden, die weichen Arme schlängeln sich zum Pomp der seidenumspannten Decke – die Tänzerin ist der wahr gewordene Männertraum. In der weiblichen Hauptrolle als Haremsdame Zobéide spielt sie die zwei Seiten der Frau: Demut und Verführung. Das Handlungsballett mag aus heutiger Sicht feministisch bedenklich klingen, für die Jahrhundertwende allerdings ist es eher eine Revolution. Ist doch die Frau diejenige, die ihren Mann betrügt – mit dem Goldenen Sklaven. Marlon Dino wirkt hünenhaft-lässig, stößt sich bei den großen Sprüngen mit Leichtigkeit ab. Überhaupt ist auch die Körpersprache, die Fokine für das Ballett entwirft, eine Erneuerung im Ballett: So verwendet er nur die Gesten, die absolut notwendig sind, um die „Dialoge“ zwischen den Tänzern unmissverständlich zu begreifen, beispielsweise wenn sich Zobéide an Stirn, Mund und Herz fasst und sich dann vor ihrem Herrscher verbeugt, um Unterwürfigkeit zu demonstrieren. Ansonsten tanzt sie. Wohl keine Selbstverständlichkeit zu dieser Zeit. Die Dramaturgie allerdings ist nicht anspruchsvoller als ein heutiger Durchschnittshollywoodfilm: Verführungsszenen, die in Eifersucht gipfeln, am Ende sind sie alle tot bis auf den geprellten Sultan. Aber man muss das einmal so sehen: auf einer Ballettbühne findet zunächst eine Orgie statt, dann ein Massenmord. So klingt das schon viel unkitschiger. Bei all dem musealen Glanz, der die Sinne betäubt und einen in Harmlosigkeit einzulullen droht, muss sich der zeitgenössische Zuschauer, will er dem nicht auf den Leim gehen, um beständige Übersetzung bemühen. Die Dramaturgie war beim zweiten Stück des Abends schon ersichtlicher. „Les Biches“ - meint heute so viel wie: die Teenager, von Bronislawa Nijinska. Die Bühne ist wie leergefegt, die Ausstattung eines edlen Salon sehr reduziert angedeutet. Raum für ein Gesellschaftsporträt, Platz für das unreife Spiel der Geschlechter, das Necken und Imponieren, das Herausgeputze und Stolzieren. Die Tänzer sind Karikaturen, sind Typen der Zeit, der Golden Twenties, Typen der Großstadt. Die drei Männer in Badehose (Cyril Pierre, Javier Amo Gonzalez, Maxim Chashchegorov) mit den dauerangespannten Muskeln stemmen sich breitschultrig in Präsentationshaltung auf die Bühne, mit selbstsicherem Kameragrinsen und einer auf lässig hochgezogenen Augenbraue. Sie bleiben dieses Stereotyp, das tänzerisch durchzuhalten keine unanstrengende Aufgabe ist. In Natürlichkeit und damit auch einmal in eine Entspannungshaltung zu verfallen wie beispielsweise in ein lockeres Plié, würde sie aus der Rolle werfen. Die Damenwelt hingegen ist vielfältiger charakterisiert: Da sind die federngeschmückten Mädchen, die höchst albern auf die Poser-Typen reagieren, die verruchte Dame des Hauses, die mit der Perlenkette in der einen und der Zigarettenspitze in der anderen Hand ganz von Welt ist, die grauen Mädchen, die in tänzerischer Symbiose ihre Freundschaft beschwören und das Mann-Frau-Wesen im kurzen Samtmini und in steifen Glacéhandschuhen, ein neuer Frauentyp à la Simone de Beauvoir, wohl tänzerisch auch eine der interessantesten Rollen. Daria Sukhorukova stolziert steif und flamingoartig in ihren Spitzenschuhen über die Bühne, wie ein mechanischer Mensch, streng im Profil oder frontal zum Publikum ausgerichtet, die Hände stets steif und distanziert behandschuht. Der Schickste der drei Badehosen-Jungs interessiert sich für sie – aber leidenschaftlich wird diese Liebesbeziehung nicht, sie ist vielmehr sachlich und formal. Ein ganz neuer Zeitgeist ist auf der Ballettbühne – und zwar einer, den man heute nur noch selten spürt. Das Abschlussstück des Abends holt den Zuschauer in die Gegenwart: mit einer Produktion von 2008, Terence Kohlers „Once Upon An Ever After“. Aus einer tänzerischen „Ursuppe“ – so könnte man den Anfang mit den erwachenden Wesen interpretieren – kristallisieren sich die großen Figuren der klassischen Ballette heraus. Ein Soli nach dem anderen zaubert sie aus der Dunkelheit hervor: Giselle, Dornröschen, Schwanensee, aber in einer völligen Neuauflage. Dornröschen beispielsweise liegt in einer Art pinken Felltasse frei nach Meret Oppenheim und muss, wachgeküsst vom Prinzen, überhaupt erst einmal Laufen lernen, ein choreografischer Musenkuss. Der tänzerische und dramaturgische Höhepunkt wird – wie zu Beginn des russischen Themenabends – von Lucia Lacarra verkörpert: Sie ist der weiße Schwan, mit Glitzerhäubchen und Tutu. Zunächst tanzen nur ihre Arme, winden sich über den Kopf, schnörkeln sich wieder Richtung Boden. Sicherlich ein überaus ästhetischer Anblick. Die tänzerische Sprache ist eine Mischung aus modernen und klassischen Elementen. Trotzdem bleibt ein Gefühl zurück: In den Stücken um die Jahrhundertwende war – trotz Pomp und Kostümfest – hinter der Ästhetik mehr gesellschaftliche Sprengkraft. Autor: Katharina Hübel |