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München, 02.05.2010

Leben tanzen

Tanztheater Wuppertal mit "Masurca Fogo" bei der Münchner Ballettfestwoche

Silia Farias. Foto © Ulli Weiss

Wie auf heißem Lavagestein sprintet der Kleinste der Pina-Bausch-Tänzer – und zugleich einer der energetischsten – das Bühnenbild herab: Jorge Puerta Armenta rast im Tempo einer elektrischen Nähmaschine kreuz und quer über die dunkelgraue Küstenlandschaft, eine portugiesische Inspiration, die Knie gehen dabei bis zum Anschlag, mehr als hüfthoch, sein Körper ist aufgeladen wie eine frische Batterie. Die vielen Stolperfallen, die kleinen Hügel und Unebenheiten, die extreme Schräge, all das scheint er gar nicht wahr zu nehmen. Kaum berührt er den Boden, schon hat er sich längst wieder kraftvoll abgestoßen, der Tänzer rennt, aber gleitet doch wie auf Schienen.

Der Beginn von „Masurca Fogo“ scheint Gegensätze zu vereinen: Die Kargheit, die Widerstände auf der einen Seite, die Lebenslust und Energie wie ein widerspenstiges Trotzdem auf der anderen. Diese Pole ziehen sich durch fast alle der Gesellschaftsbilder, die das Ensemble des Tanztheaters Wuppertal in „Masurca Fogo“ entwirft. Beispielsweise, wenn die Tänzer plötzlich schäbige Holzbretter und Latten auf die Bühne karren, in einer Windeseile aufeinander legen, aneinander lehnen und so eine Tanzbar entstehen lassen, die gut in den heruntergekommenen Armen-Vorort einer portugiesischen Großstadt passen würde. In der Mitte der riesigen Bühne ist das gesamte Ensemble, sind zwanzig Tänzer, zusammengepfercht auf engstem Raum. Durch die Spalten zwischen den Latten, durch das Sichtloch in der Wand sieht der Zuschauer schwingende Hüften durchblitzen, Arme im Rhythmus der schnellen Musik in die Luft fliegen, lachende Gesichter. Ein Kontakt mit den Holzlatten – und das ganze Konstrukt würde zusammenfallen.


Michael Strecker und Regina Advento.
Foto © Gert Weigelt
Die Tänzer sind unbändig, aber hochkonzentriert, natürlich, aber hochtrainiert. Eine Mischung, die „Masurca Fogo“ nicht zur künstlichen Reflexion werden lässt, sondern zum authentischen Porträt von Lebensgefühl, direkt und mit voller Breitseite. Das Zusammendrängen der Tänzer in der kleinen Bar ist die maximale Verdichtung von Lebensfreude, die auf dieser weiten Bühne möglich ist. Ein Bild, das einfach ist, aber gleichzeitig präzise, unmissverständlich und ausdrucksstark. Geschaffen von einem Blick, der das Wesentliche zu beobachten vermag und es schafft, diese Beobachtung in eindeutige Körpersprache zu übersetzen, mehr noch: diese zu Tanz zu machen. Dabei scheint das Stück nicht an einer künstlerischen Verformung des Lebens interessiert, sondern an einer Synthese von Leben und Kunst.

Dazu gehört bei Pina Bausch auch, dass die Tänzer mit Texten arbeiten. Die auf der Bühne gesprochenen Worte sind begleitet von tänzerischer Sprache, haben ihren Subtext und Verstärker im Körper. Die Texte entlarven den Körper und umgekehrt, sie kommentieren und ironisieren. Das Lachen macht das Publikum zum Verbündeten des Ensembles, zum Mitwisser, zum Spielgefährten. Die Distanz zwischen Kunst und Leben, zwischen Tänzern und Zuschauer schrumpft so auf das Kleinstmögliche zusammen. Ein Bühnentanz, der mitten in der Gesellschaft ankommt, sie aber zugleich spiegelt.

Denn auch, wenn das Stück „Masurca Fogo“ aufgrund einer künstlerischen Zusammenarbeit in Lissabon entstanden ist, hat es zugleich Elemente, die unabhängig von Zeit und Raum Gültigkeit haben: zum Beispiel das dominierende Thema der Geschlechterrollen – wie in so vielen anderen Pina-Bausch-Stücken auch.

Das Frau-Mann-Thema zieht sich durch das ganze Stück in meist ironischen Variationen. Nazareth Panadero beispielsweise, die bereits seit über 30 Jahren im Ensemble und mittlerweile jenseits der 50 ist, stolziert mit dem Gesichtsausdruck einer eitlen Achtzehnjährigen über die Bühne, die Schultern geziert nach oben gezogen, die Hüften sinnlich wiegend stöckelt sie provozierend an den Tänzern vorbei. Überzogene Bewunderung schallt ihr entgegen, stupide „Ohhhhh“-Laute, Glubschaugen der Männer. Sie genießt es dümmlich, das Publikum ist amüsiert. Dann wandelt sie sich zur alternden Prostituierten: „Komm in meine Arme, komm, komm, komm, komm“, lockt sie einschüchternd die Männer, die sie jetzt fast zum Kuss zwingen muss, aber einen Hilflosen nach dem anderen auf der Bühne einsammelt und vereinnahmt. Frauen wie Männer werden zur Karikatur, die aber in einer liebevollen Weise ernst und vor allem selbstironisch ist.

Ensemble. Foto © Ulli Weiss

Bei solchen Szenen werden die Tänzer werden als ausgereifte Künstler-Persönlichkeiten sichtbar. Nazareth Panaderos Spiel mit den Geschlechterrollen ist reflektiert, nicht einstudiert. Die Tänzer bei Pina Bausch sind aufgewertet, sind Co-Choreographen und Mitgestalter – und das macht ihre Stücke so besonders ausdrucksstark. Nicht zuletzt natürlich auch deswegen, weil die Tänzer unschlagbar gut sind. Die theatralen Miniaturen wechseln sich ab mit reinen Tanzstücken, in denen der Zuschauer nach dem befreienden Lachen wieder zurückgeführt wird zu emotionalen Tiefenschichten, zu Stille und Staunen. Die Körpersprache in „Masurca Fogo“ ist weit und offen. Die langen Haare der Tänzerinnen in den dünnen Leibchen sind zusätzliches Ausdruckselement, sind raumgreifend, wie die Arme auch. Der Kopf ist selten einfach nur gerade, die Haare frei schüttelnd, das Schlüsselbein Richtung Himmel, um den Körper dann wieder klein zu machen und daraus eine neue Bewegung entstehen zu lassen. Die tänzerischen Formen folgen der natürlichen Dynamik des Körpers. Sie zitieren sich im Stück auch teilweise selbst, stellen sich in einen anderen Kontext und kommen so zu neuer Bedeutung.

Wohl am beeindruckendsten in dieser Hinsicht war das Solo von Ditta Miranda Jasjfi. Das erste Mal getanzt, wirkte ihr Part stimmig, organisch, fließend, ein stilles Auf und Ab, ein In-Sich-Einsinken und Aus-Sich-Herausgehen, getrieben von Musik, bewegt von Klang. Das zweite Mal getanzt wurde ihr Solo zur Meditation, zur Körpersprache der Natur, zur Konkretisierung einer Metaphysik. Denn diesmal tanzte sie nicht auf Musik, sondern nur auf das Rauschen der Meereswellen. Der weiße Kubus, in dem sich die Bühne mit Felslandschaft befand, wurde durch Projektionen von anbrandenden Wellen zur überdimensionierten Naturgewalt. Die Choreografie war exakt den Wellen nachempfunden, die Impulse folgten dem Klang und der Bewegung des Meeres, die Haare der Tänzerin wurden zur Gischt, ihr Körper zur Krümmung der Welle, ihre Arme zum Klang. Die Tänzerin, die vorher alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, passt sich nun ein in ein übergeordnetes Bild, wirkt nicht mehr autonom und stark, sondern als Teil von etwas, das mächtiger ist. Die erste Version ihres Tanzes wirkt so in der Rückschau fast schon wie ein blindes Übergehen, ein munteres Zukleistern seiner eigentlichen Bedeutung. Denn der Tanz gehört eigentlich den Wellen und nicht der Tänzerin und ihrer Musik.

„Masurca Fago“ von Pina Bausch ist vielschichtig, unendlich verstehbar, unglaublich wahrhaftig. „Masurca Fago“ verwandelt: Leben in Kunst und Kunst zum Leben und in der Kunst zum Leben. Davon zeugen auch die vielen Blumen, die die Tänzer nach ihrer Verbeugung alleine auf der Bühne zurücklassen, sie sehen aus wie Nelken: Eine Verbeugung der Tänzer vor Pina Bausch. Und eine Verbeugung Pina Bauschs vor ihrem Publikum.

Autor: Katharina Hübel

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