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München, 30.04.2010 Lupe des Erlebten „20 Jahre Bayerisches Staatsballett“ – ganz unhistorisch In der Mitte der Eingangshalle steht der schwarze Flügel von Simon Murray. Er ist der Mann beim Bayerischen Staatsballett, der in die Tasten greift, wenn die Tänzer üben. Und heute derjenige, der den ungewöhnlichen Ballettabend über „20 Jahre Bayerisches Staatsballett“ eröffnet. Soloprogramm für den, der sonst nie auf der Bühne zu sehen ist, wenn die Tänzer ihren Auftritt haben. Das Publikum lauscht, auf den Marmorstufen der Treppenaufgänge kauernd. Der Klang der bekanntesten Ballettstücke wie Nussknacker, Schwanensee oder auch Romeo und Julia schwimmt als diffuses Medley zu den Zuschauerplätzen hinauf. Diffus, weil die offene, steinerne Eingangshalle nicht der beste Schalltrichter ist: das Ohr kann mit dem optischen Eindruck eines passionierten Simon Murrays, der mit Schnelligkeit und Präzision auf der Klaviatur auf- und abgleitet, leider nicht mithalten. Aber die Zuschauer, von der ungewöhnlichen Empore zu ungewohnter Lockerheit angestachelt, schunkeln mit, summen vorübergehend zu ihren Lieblingsstellen oder fangen das Dirigieren an, vom Scheppern ihrer goldenen Armreifen begleitet. Es ist nicht der beste Konzertraum, aber vielleicht trotzdem eine passende Einstimmung auf das, was der Abend sein sollte: Kein großes, ehrfürchtiges Schaulaufen von 20 Jahren Staatsballett, keine historische Abhandlung und auch keine wissenschaftliche Einführung. Sondern ein persönlicher Raum, in dem die Menschen hinter dem Staatsballett greifbar werden. Vielleicht fand daher an diesem Abend keine einzige Bühnenperformance statt, weil Platz sein sollte für das, was in 20 Jahren eben nie auf der Bühne zu sehen war. Dazu zählt vor allem das, was im Innersten der Tänzer verborgen ist. Was nicht hervorkommen kann, weil sie auf der Bühne eine Rolle haben, eine Funktion, eine Aufgabe. Aber an diesem Abend sollte das anders sein. Der italienische Choreograph Simone Sandroni hat für zwei langjährige Tänzer des Staatsballetts – Norbert Graf und Isabel Sévers – jeweils ein Solo geschrieben. Sie sollten ihre Tänzerbiographie tanzen, die auch eng verwoben ist mit dem Bayerischen Staatsballett. Sie sollten sie aus ihrer Innenperspektive heraus erzählen, mit all den Wendepunkte, den Fragen, Leerstellen und vor allem mit all der Passion, die sie immer hat weitertanzen lassen. Im Königssaal haben Norbert Graf und Isabel Sévers keine ausladende Bühne. Sie sind auf Augenhöhe mit dem Publikum, gerade mal ein, zwei Meter von der ersten Reihe entfernt. Sie erzählen den Zuschauern ihre Geschichte. Mit humorvollen Texten, persönlichen Worten, aus denen doch auch der Ernst und die ganze Tragweite spricht, die die Entscheidung, Tänzer zu werden für Körper und Psyche bedeutet. Eine tiefgreifende Liebeserklärung an den Tanz, der oft genug in einer leidvollen Spannung zum Leben steht. Immer wieder kommentiert und illustriert mit Bewegung. Norbert Graf tanzt mit professioneller Unbeholfenheit seine ersten Pliés und Changements als Achtjähriger im Wohnzimmer seiner Eltern nach, seine erste Rolle auf der Bühne als Puck, seine Erfolge als Onegin… Dazwischen: Eine sachliche Demonstration der zahlreichen Verletzungen seines Tänzerlebens, die ihm fast einmal die Karriere gekostet hätten. Geständnisse, was ihn am meisten Überwindung gekostet hat: Nackt auf der Bühne zu tanzen, in einem Stück einen Mann zu küssen. Mimik und Stimme verraten, welche Emotion hinter all dem für ihn als Tänzer steckt. Norbert Graf ist Tänzer, kein Schauspieler. Aber in der Rolle seiner Selbst vermag er das Publikum mit einer Authentizität zu packen, wie er sie nie hätte spielen können. Und selbst, wo manche Geste, manche Streckung durch das Alter seiner Knochen nicht mehr perfekt geschmeidig aussehen mag, können die Zuschauer nicht aus, von ihm als Persönlichkeit gebannt zu sein: Denn aus jeder Bewegung spricht die Leidenschaft für ein Leben, das ganz dem Tanz gewidmet ist, das keine Grenzen kennen mag. Mit junger Eleganz und Zartheit, mit lyrischen Armen und weichem Rücken schwebt Isabel Sévers sanft lächelnd auf Spitzenschuhen. Aber das Äußere täuscht. Das Herz der märchenhaften Ballerina ist gebrochen, sie ist eine tragische Figur. Die Unmöglichkeit einer dauerhaft gelebten Liebe zu einem Mann – das ist der immer wiederkehrende Verzicht, der sie auf den verschiedenen Stationen ihrer Tanzkarriere wie ein Leitmotiv begleitet. Die Liebesbeziehung zum Tanz das, was sie dafür bekommt. Und diese Liebe ist oft genug auch eine Hassliebe. Zum Beispiel, wenn sie eigentlich einen der vier Schwäne tanzen will und der Ballettdirektor sie lieber in einer anderen Rolle sieht. Aber sie kann nicht anders als dem Tanz bedingungslos zu folgen, egal, wohin er sie führt. Und er beginnt aus ihr eine neue Persönlichkeit zu formen. Ausgestattet mit der Kraft eines Blicks, der alle sofort verstummen lässt. „Ich bin Isabel Sévers. Ich tanze.“ Besser als in dieser Schlichtheit könnte sie ihre Persönlichkeit nicht auf den Punkt bringen und mehr muss sie nicht sagen und nicht zeigen, um den Zuschauern Tränen in die Augen zu treiben. Selbst Ivan Liska, der heutige Direktor des Staatsballetts, hat seine Tänzerin noch nie so gesehen, teilte er mit erstauntem Respekt im Publikumsgespräch mit. Im dritten Raum des Abends, dem Capriccio-Saal, ganz unten im Bauch des Nationaltheaters. Dort erzählten der langjährige Startänzer und die große Ballerina Judith Turos von wichtigen Schritten in ihrer Karriere und davon, wie sie die Anfänge und Entwicklungen des Staatsballetts empfunden haben. Sie hielten keine staatstragenden Reden, sie plauderten gemeinsam, erinnerten sich gegenseitig an die alten Zeiten, Fetzen, Ausschnitte kamen ihnen mehr oder weniger willkürlich in den Sinn. Auch sie wollten keine Vollständigkeit, sondern Atmosphäre vermitteln. Und auch sie waren – jeder für sich – eine Lupe auf 20 Jahre Staatsballett. Autor: Katharina Hübel |