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München, 24.12.2009 Die Choreografie der Partitur Premiere von Nacho Duato beim Bayerischen Staatsballett: „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“
Ensemble Foto: © Winfried Hösl Die Tänzer sind die sichtbar gewordenen Noten – und das ist das Revolutionäre bei Nacho Duato. Sein Tanz bedient sich nicht einfach nur einer Musik oder lässt sie zum Nebengeräusch verkommen wie manche modernen Ballette – Tanz und Musik verschmelzen ganz sprichwörtlich zu einer Einheit. Sehr offensichtlich betreibt er das, wenn er die Tänzer in ihren schwarzen Trikots Arme und Beine wie im Sprint angewinkelt halten lässt und sie getragen von ihrem Partner, im Tempo der Geigenläufe über die Bühne fegen. Expliziter kann man Sechzehntel- und Zweiunddreißigstelnoten nicht in Körpersprache übersetzen. Die musikalischen Schaffensphasen von Johann Sebastian Bach als Tanz – das ist der Auftrag, den Nacho Duato sich vor zehn Jahren in Weimar selbst gesetzt hat. Ein Jahr später erhielt er für „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ einen der höchsten Preise der Ballettszene, den Prix Benois de la Danse. Noch nie hat Nacho Duato dieses Meisterwerk einem fremden Ensemble überlassen – bis jetzt. Eine Herausforderung für das Bayerische Staatsballett. Nacho Duatos Hommage an Johann Sebastian Bach ist eine umfassende, tief greifende Visualisierung von Musik. Er wandelt Partitur in Choreografie um. Er versucht, Bachs Kompositionsprinzipien nachzuvollziehen. Rhythmusgruppen, Kontrapunkt, das Zusammenspiel von Leitstimme und Begleitstimme in der Fuge – all das sind tänzerische Rollen bei Nacho Duato. Sie tanzen jeweils exakt auf den Rhythmus ihres musikalischen Charakters, sind je nach Instrument vom Bewegungseinsatz her weich oder stakkato, raumergreifend oder am Platz.
Guiliana Bottino und Marlon Dino Foto: © Winfried Hösl Aber Nacho Duato versucht nicht nur die Struktur und Dynamik, sondern auch das Wesen von Musik auf die Bühne zu bringen: Die emotionale Beziehung zwischen dem Komponisten und seiner Musik, personalisiert in der Solotänzerin Giuliana Bottino. Sie tanzt mit Bachdarsteller Marlon Dino wunderschöne Pas de deux, die extrem schwierig sind, weil die Tänzer perfekt miteinander harmonieren müssen. In ihrem ersten Auftritt ist Giuliana Bottino eine zarte Cellonote. Weich und schmelzend sitzt sie auf dem Schoß von Bach, der sie mit einem Cellobogen in Bewegung versetzt. Fügsam schmiegt sie sich zunächst an ihn, büxt dann frech aus, wird wieder zurückgeholt. Ein lebendiges, liebevolles Spiel zwischen dem Komponisten und seiner Musik, ein Gleiten und Schweben, das an Nacho Duatos Lehrmeister Kylián vom Nederlands Dans Theater erinnert. Ihr Gegenpart ist eine dunkle, maskierte Frau, verkörpert von Silvia Confalonieri. Sie bemächtigt sich in großen, herben Bewegungen der Bühne, mit rauschendem Rock. Sie zerbricht den Cellobogen und verdrängt die Noten. Sie dominiert vor allem im zweiten Teil. War der 1. Akt, „Vielfalt“, noch barock und lebendig, zeigt „Formen von Stille und Leere“ den Weg zum Tod. Musikalisch wird es dunkler, geistlicher, tänzerisch starrer und räumlich eingeschränkter. Einer der Höhepunkte: Als alle drei Solisten, Bach, die Musik und der Tod, zusammen auf der Bühne auftreten. Bach verteidigt seine Musik gegen den Tod, aber die Musik wird neugierig und geht bald eine Verbindung mit dem Tod ein. Zu dritt schaffen die Tänzer gemeinsame Figuren, die sich originell lösen und wieder neu fügen, ein ästhetisches, trauriges Bild, das in Bachs Tod mündet. Aber die Noten Bachs leben weiter, steigen auf einem Gerüst auf, das bis zur Bühnendecke reicht, wie auf einer Himmelsleiter. Der versöhnliche Ausgang einer ergreifenden Liaison von Tanz und Musik. www.bayerisches.staatsballett.de www.alhma.com/nacho/nacho.htm Autor: Katharina Hübel |