|
München, 19.12.2009 Angst vor dem letzten Augenblick Manfred Kröll und sein Münchner Forum für zeitkritische Choreografie tanzen über das Sterben "Du fehlst". Chiang Mei Wang. Foto: © Oskar Henn
Wie weit soll man dem Tod ins Auge sehen? Das muss die erste Frage gewesen sein, mit der sich die fünf Tänzer beschäftigten, die auf Einladung von Choreograf Manfred Kröll Werke über geliebte Verstorbene kreierten. „Du fehlst“ lautete der Titel des Abends im Schwere Reiter. Er war tänzerische Andacht und körperlich schmerzliche Trauer zugleich, aber auch ein Manifest für eine lebendigere Totenkultur. Eine solche ist in den westlichen Industrieländern, wo man die Toten nur hastig unter die Erde bringt, ja praktisch nicht mehr existent. Hier war weinen, schreien, fürchten erlaubt. Wobei nicht alle wirklich mutig zu Werke gingen. Verständlich. Die eiskalte Hand des Nichts freiwillig zu ergreifen, widerspricht dem Leben selbst. Dennoch hatte Jasmine Morand keine Angst. Die Schweizerin wagt es, in die Haut ihres Vaters zu schlüpfen und dessen Todeskampf der letzten Sekunden nachzufühlen. Das tut sie mit nacktem Oberkörper und dem Publikum zugewandtem Rücken. Für Außenstehende ist es schließlich nicht so genau zu durchschauen, wie ein Sterbender das Tal von Schmerz, Angst und wütendem Lebenswillen durchschreitet. Erst als es geschafft ist, kippt Morands Gesicht befreit nach hinten. Eine schwere, aber beeindruckende Darbietung. "Du fehlst". Manfred Kröll. Foto: © Oskar Henn
Auch Manfred Kröll riskiert etwas. Er erinnert sich an den Verlust seiner Mutter mit Kunst, die weh tut: Seine Rezitation von „Bohemian Rhapsody“ vermittelt unendliche Einsamkeit, und Angst und Schrecken stellen sich ein, als die Mutter als Gespenst im weißen Kleid durch blutrotes Licht wankt, untermalt von abscheulichem Death Metal. Daneben bleiben die Soli, in denen er sich selbst schlägt, in ihrem Expressionismus eher blass und altmodisch. Niemand sonst ging so weit wie die beiden. Doch dass der Tod Eltern und Kinder auseinander reißt, dass er Sterbende mit weit geöffneten Mündern entmenschlicht, dass er urplötzlich das blühende Leben niedermäht – dem hatten alle Künstler etwas entgegen zu setzen. Und zwar nicht überhöht, wie es sich für eine Kunstsituation gehört, sondern ungewöhnlich direkt und teils auch naiv, was auch der weiten und doch intimen Bühnensituation des Schwere Reiter zu verdanken ist. "Du fehlst". David Russo. Foto: © Oskar Henn
Stefanie Felber trotzte dem Unwiderruflichen, im Geiste ihres Vaters, mit Schnaps und einem Bouzouki-Freudentanz. Chiang Mei Wang führte Erinnerungen an Telefongespräche ins Feld, gekrönt von ihrem letzten Tanz vor dem Krankenbett. Dabei treibt sie das schlechte Gewissen aller Tänzer, viel zu selten zuhause gewesen zu sein, sichtlich um. David Russo wiederum legte im Bann eines glitzernden Kronleuchters exquisiten Tanz wie eine Schutzhülle um sich. Schließlich widmete er sein Stück seinem Kollegen Sebastian Nichita, der letzten Januar aus ungeklärter Ursache einfach tot umfiel. Das Rätselraten machte dem TanzTheater München den Verlust noch schwerer; nun hat sich Russo bewusst von den Fakten verabschiedet und das Leben des Toten in schillernden Sphären zum besseren Hauptthema gemacht. Einzig Stefan Maria Marb blieb kryptisch und umgarnte, ganz für sich alleine, einen weißen Schal. Musik ist die mächtigste Verbindung zu denen, die gegangen sind. So viel ist sicher. Apocalypticas „Nothing Else Matters“, Schostakowitschs russischer Walzer, die engelsgleichen Klänge einer Harfe – irgendetwas von Toten ist in diese Lieblingsstücke hineingeschlüpft und bleibt für immer darin, uns zum Trost. Das zeigten die bewegendsten Momente. Über Musik hat das Grauen keine Macht. Vielleicht auch nicht über den Tanz, der an diesem Abend allerdings das viel schwächere Medium war. Mit beidem gepanzert dürften wir jedenfalls getrost mehr Kultur für die Toten riskieren. Autor: Isabel Winklbauer |
"Du fehlst". Chiang Mei Wang. Foto: © Oskar Henn
"Du fehlst". Manfred Kröll. Foto: © Oskar Henn
"Du fehlst". David Russo. Foto: © Oskar Henn