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Regensburg, 25.11.2009 Wenn Schweinebraten an Kindheit erinnert Über ein Stück von Bayern Drei „Gerüche der Kindheit“ . Kilta Rainprechter und WOlfgang Maas. Foto © Hubert Lankes
von Gabriele Pinkert „ … wie Zuhause Arzneien Böses ahnen lassen | die Zukunft immer voraus eilte | nun sich verlangsamend | hole ich sie ein | und aus atme ich | die Gerüche jener Kindheit | aus geleerten Töpfen | und vollen Wiesen | schmecke Soßen und Gras … - einer der Texte, der am vergangenen Donnerstagabend im Regensburger Theater an der Universität scheinbar nebenbei ins Laptop geschrieben und für die Zuschauer parallel sichtbar an die Wand geworfen wurde. Einer von vielen weiteren Texten, Gedankenfetzen und Satzfragmenten des Berliner Autors Christoph Klimke zum Thema Erinnerungen an das Kindsein, an Gebote und Verbote, die in ihrer Gesamtheit die Basis für die Tanzperformance „Gerüche der Kindheit“ bildeten: ein Experiment auf verschiedenen Ebenen in Bezug auf Bild und Ton, Licht und Bewegung. Aber vor allem ein Experiment in choreografisch-tänzerischer Hinsicht. Denn die drei in Bayern lebenden freien Choreografen Beate Höhn (Nürnberg), Micha Purucker (München) und Alexandra Karabelas (Regensburg), die sich in dieser Konstellation Bayern Drei nennen, initiierten ihr erstes gemeinsames Tanzprojekt von vornherein als Forschungsprojekt, das sich im Laufe der Projektdauer frei entwickeln können sollte und flexibel veränderbar sein durfte. Anstatt also einen klar strukturierten, jederzeit wiederholbaren Tanzabend aus drei einzelnen, klar den jeweiligen Autoren zuordenbaren Stücken zu entwickeln, setzte sich jeder der Choreografen einzeln und unabhängig voneinander mit demselben Textmaterial auseinander und kreierte kurze Sequenzen, die dann in gemeinschaftlicher Abstimmung zu einem Bühnenwerk montiert und schließlich von Aufführung zu Aufführung verfeinert, verändert oder gar komplett beschnitten wurden. An jedem der Aufführungsorte und zu jedem der Veranstaltungstermine sah dementsprechend die Produktion (teilweise komplett) anders aus. Alles eine Folge von künstlerisch durchdachtem freien Schaffen - nicht nur der Choreografen, die sich von Vorstellung zu Vorstellung besser kennenlernten und verstärkt Überschneidungen bis hin zu mutigem Ineinandergreifen zuließen, sondern auch der Tänzer, die gleichfalls wachsend agierten. „Gerüche der Kindheit“. Wolfgang Maas. Foto © Hubert Lankes
Das vorläufige Endergebnis war nun eben vergangene Woche in Regensburg zu sehen: ein intellektuell herausforderndes Stück Tanztheater mit gebrochener Erzählstruktur, in dem, nach den eher abstrakten Bühnenanordnungen bei den Münchner und Nürnberger Vorstellungen, dieses Mal ein gemeinsames familiäres Schweinebratenessen an einem großen Esstisch zum Dreh- und Angelpunkt unterschiedlicher Narrationen und damit verschiedener zeitgenössischer Tanzästhetiken wurde. Höhn lieferte typisches Tanztheater und zeigte die Auswirkungen seelischer Abgründe auf: Ihre beiden Tänzer Viviana d´Escalé und Philip Bergmann nahmen mal als depressives Geschwisterpaar wortreich mahnend, dann wieder sich selbst entdeckend als junges Pärchen flirtend, miteinander spielend und sich gegenseitig umwerbend die Bühne ein. Hinreißend mitreißend – sogar wenn Abweisung bezweckt war. Die Einheit um und mit dem schwarzen Mann hingegen zeugte ganz klar vom performativen Ansatz, den Purucker seit Jahren vertritt, in dem dieser den Tänzer Stefan Herwig in slow motion á la Jan Fabre an der nackten Betonwand entlang schob und zum Schluss in einen Haufen herumstehender leerer Flaschen rumpeln ließ. Ein Symbol für das Dunkle, Verdrängte, die berühmte Leiche im Keller? – Hier vielsagend und nicht greifbar, vom Publikum gewollt oder ungewollt in je eigener Weise interpretiert. „Gerüche der Kindheit“. links an der Wand: Philip Bergmann, am Tisch sitzend als Autor: Holger Wilhelm, auf dem Tisch: Kilta Rainprechter, Vivana D´Escalé, rechts im Raum: Wolfgang Maas. Foto © Hubert Lankes
Exakt zwischen diesen beiden Strömungen die Choreografie von Karabelas: Dem klassischen Ballett zugetan, jedoch den Vorgaben des zeitgenössischen Tanzes folgend waren Kilta Rainprechter als Puppenfigur und Wolfgang Maas als Indianer zu erleben. Aber nicht nur; sie ließen auch eine sensible Einheit, ein Sich-aneinander-Schmiegen, ein gegenseitiges Sich-Spüren und Führen, ein Miteinander und Füreinander erleben und berührten damit. „Gerüche der Kindheit“ – ein Experiment, das spätestens in seiner vorerst letzten Aufführung gelungen ist, ein Puzzle von Choregrafien, das einlud zum Lachen, zum Hineinfühlen, zum Erinnern an Geschmack von Soßen, Gras und Kindheit. Autor: Gastautor |
„Gerüche der Kindheit“ . Kilta Rainprechter und WOlfgang Maas. Foto © Hubert Lankes
„Gerüche der Kindheit“. Wolfgang Maas. Foto © Hubert Lankes
„Gerüche der Kindheit“. links an der Wand: Philip Bergmann, am Tisch sitzend als Autor: Holger Wilhelm, auf dem Tisch: Kilta Rainprechter, Vivana D´Escalé, rechts im Raum: Wolfgang Maas. Foto © Hubert Lankes