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München, 16.06.2010 Giselle ist nicht wie jedermann Gözde Özgür tanzt die „Giselle" von Mats Ek
Gözde Özgür. Foto © Wilfried Hösl Gözde Özgürs große samtdunkle Augen werden noch größer, wenn sie ihrer eigenen Überraschung Ausdruck gibt: „Mein erste abendfüllende Rolle! Ich habe ja bisher nur kleine Partien getanzt, wie in Nijinskas „Les Biches“ oder in Angelin Preljocajs modernem „Feuervogel“. Das waren fünfminütige Variationen. Und jetzt eineinhalb Stunden! Giselle ist ja fast immer auf der Bühne. Ich dachte zuerst, oh Gott, wie werde ich all diese Schritte lernen? Und dann gibt es ja auch noch den theatralen Teil, den Gesichtsausdruck, ja jede kleinste mimische Bewegung, sogar die Finger sind wichtig, die Kopfhaltung. Wenn sie nicht stimmt, wie sie von Mats Ek gedacht ist, kann diese Szene etwas ganz anderes bedeuten... Jeden Abend gehe ich im Bett das ganze Ballett noch mal im Kopf durch, bis ich einschlafe.“ Eks „Giselle“ ist, trotz der beibehaltenen Musik von Adolphe Adam, nicht wie in der Originalversion von 1841 ein romantisch zart-scheues Wesen, das ins Reich der Wilis-Geister aufgenommen wird. Wie sieht Ozgür diese moderne Giselle, die ja sehr realistisch im Irrenhaus endet? „Ich glaube, Giselle ist nicht wie jedermann. Für sie ist alles sehr 'rein'. Deshalb hat sie auch keine Hemmung, auf Leute zuzugehen, sie zu berühren, nicht diese Ängste: 'Oh, was passiert, wenn ich jetzt etwas Falsches mache.' Von der Art bin ich selbst. Ich denke immer zuerst, bevor ich etwas tue. Jetzt, in dieser Rolle, versuche ich wirklich loszulassen. Nicht zu überlegen, wie ich im Gesicht aussehe. Wenn ich hässlich aussehe oder böse, dann ist es eben so, weil ich in diesem bestimmten Moment so fühle.“ Und wie wächst so ein Gefühl? „Erst allmählich, erst, wenn ich sicher in den Schritten bin und ich mich von der Musik führen lassen kann.“
Gözde Özgür. Foto © Wilfried Hösl Warum ausgerechnet Zürich? „Weil die Schule dort sehr gut ist und“ sie lacht verschämt, „weil Zürich eine sichere Stadt ist. Ich war ja erst 15, und meine Eltern haben mich auch jeden Monat besucht.“ Nach dem Diplom wird Gözde Özgür 2007/08 gleich ins Bayerische Staatsballett engagiert. Wieder ist die Mama beruhigt, denn auch München gilt als „eine sichere Stadt“. Trotzdem pendelt sie zwischen Ankara und München, um ihre Tochter hier zu bekochen. Ihre gesunden türkischen Gerichte „mit viel Fleisch und Gemüse“ haben sicher ihren Anteil an Gözdes schlanker Figur, makelloser Haut und strahlend weißen Zähnen. Können also in der Türkei nur Kinder gutsituierter Eltern den Tänzerberuf ergreifen? Özgür verneint, aber ein finanzieller Rückhalt mache es natürlich leichter. Ballet und Tanz zuhause seinen ja noch 'eine junge Kunst' und von daher viele Eltern noch nicht dafür offen. Immerhin gab es im 18. Jahrhundert Gastspiele französischer und italienischer Theatergruppen am Hofe des Sultans. Im 19. Jahrhundert wurden dann die ersten türkischen Theaterensembles aufgebaut. In Özgürs Heimatstadt Ankara fand 1936 die erste türkische Opernaufführung statt. Mit der Gründung einer nationalen Ballettschule 1947 unter der Leitung der berühmten Dame Ninette de Valois – sie gilt als Begründerin des englischen Balletts – wurde der Grundstein für eine starke klassische Ausbildung gelegt. Heute sind türkische Tänzer in allen europäischen Ensembles zu finden. Mehmet Balkan, ein einmalig sprunggewaltiger Ballerino, war in den 80er Jahren hierzulande – man erinnert seine virtuosen Gastspiele in München – ein Vorreiter. Er war Ballettdirektor unter anderem in Hannover, ging dann zurück in die Türkei. „Nach Antalya ist er jetzt Ballettchef in Ankara“, weiß Gözde Özgür zu berichten. Große Ballettensembles gebe es auch noch in Istanbul, Izmir, Mersin und Samsun. Und populärer würde Ballett auch durch Filme. „Bei uns kann man im Kino neben 'Avatar' auch eine Moskauer Bolschoi-Kreation oder 'Nußknacker' vom Ballett der Pariser Oper sehen.“ Und was würde sie gerne demnächst tanzen? „Alles, klassisch und modern – aber John Neumeiers 'Kameliendame' ist mein Traumziel.“ Debüts ebenfalls für Matej Urban (Albrecht), Hilarion ( Lukaš Slavický), Emma Barrowman (Bathilde); 19., 24. und 26. 6., 19 Uhr 30; 20. 6., 18 Uhr; 24. 6., 10 Uhr 30: Karten 089/ 2185 1920 Autor: Malve Gradinger |