Ein Projekt im Rahmen von Access to Dance gefördert durch

« 1 » (insgesamt 7 Einträge)
München, 10.06.2010

RODEO MÜNCHEN: "Der wilde Süden ruft – mich!"

Ein Blog vom Miriam Althammer

Foto: © Beate Zeller

RODEO MÜNCHEN geht online! Schon zwei Monate vor dem eigentlichen Beginn des Festivals konnte ich mitverfolgen, was rund um das neue Münchner Tanz- und Theaterfestival passiert. Tag für Tag flatterten über die Facebookgruppe neue Nachrichten ein, über Künstler, Karten, Symposien und Interventionen. Der wilde Süden ruft – mich!
„Die ersten Plakate wurden gesichtet... wer findet noch mehr?!“ Und schon entdeckte ich auf meinen Alltagswegen, wenn ich mich durch die Straßen Schwabings schlängelte, Plakate mit Cowboys in Lederhosen und starken Frauen mit Knarren in der Hand.

Bilder von Interventionen ließen mich im Nachhinein miterleben, wie Münchner Orte künstlerisch besetzt und Gesetzlichkeiten auf den Kopf gestellt wurden. Als ich das Bild sah, auf dem Stefan Wischnewski seinen Kranz aus Sporttaschen triumphierend in den Händen hält, war ich gerade völlig durchnässt nach Hause gekommen. Wie er wohl durch die Straßen Münchens stapfte, durch den Regen, während als einziger Schutz der Kranz um seinen Hals diente, einst ein Autoreifen, der nun mit Sporttaschen umspannt zum Teil einer skulpturalen Handlung geworden ist.
Staunen ließ mich auch der Besuch der Kanzlerin höchstpersönlich. Seit einigen Tagen nun wandelt sie durch die Stadt, weilt in der Loretta-Bar und von den Fotos auf Facebook blickt sie mich freundlich an mit ihrem schwarz-weißem Pappgesicht. Mit einer Bavaria-Schärpe um den Körper mischt sie sich unters Volk und nimmt so ein weiteres Territorium für RODEO ein.

RODEO breitet sich aus. RODEO verbindet Orte. RODEO lädt ein.

Autor: Gastautor

druckerfreundlich

tanznetz.de Redaktion
10.06.2010, 10:48

Foto: © Beate Zeller

Knallrot lackierte Schuhe liegen am Eingang zum Schweren-Reiter-Gelände. Während ich so den Hof überquere, leuchten mir aus allen Ecken Gegenstände entgegen, ebenso knallrot und auf den ersten Blick irritierend, fügen sie sich doch problemlos in die lebendige Szenerie ein. Überall tummeln sich schon die Leute, sitzen auf einladenden Holzblöcken, unterhalten sich und genießen die Abendsonne. Mittendrin bewegen sich sechs Körper unter, in und auf Objekten, die gerade in ihrer Künstlichkeit so organisch wirken. Auf dem harten Asphalt werden gelbe Bälle zum Tanzen gebracht, zarte, weißeTunnelgebilde scheinen die Akteure zu verschlucken und das voluminöse, aus Plastikfolie geformte Kissen, das an ein Meer aus rosa Rosen erinnert, bettet eine Tänzerin.

Micha Purucker: black fog - news from the planet of dogs, Foto: © Micha Purucker

Aus dem bunten Treiben wird man jäh gerissen, als man die düstere Halle betritt, in der die erste Produktion – Micha Puruckers „black fog – news from the planet of dogs“ gezeigt werden soll. Im Halbdunkel, begleitet vom Rattern eines Zuges und dem Pfeifen des Windes, wird man in eine andere Welt entführt. Die Hitze des Raumes passt zur Atmosphäre. Von der ersten Minute an sitzt man angespannt an seinem Platz, beobachtet das Treiben auf der von Scheinwerfern dominierten Bühne. Im Halbdunkel erkennt man reglose Körper am Boden liegend, andere winden und krümmen sich im leeren Raum, wehren Unbekanntes ab. Eigentümlich wirken die Bewegungen, wenn die Körper an Kraft verlieren und wegbrechen. Von inneren und äußeren Kräften scheinen sie getrieben, um dem Publikum von den dunklen Seiten des Lebens zu erzählen. Der Sound wechselt, harte Gitarrenriffs erklingen, fast unerträglich laut. Das Licht wird grell und die Tänzer befreien sich mit raumgreifenden Bewegungen. Mit großer Dynamik finden sie zueinander, bilden für kurze Zeit Paare und Gruppen und geben sich gegenseitig Impulse, um weiter voran zu schreiten in ihrer Zwischenwelt. Ein rätselhaftes Gleichgewicht zwischen Stillstand und bewegten Körpern entsteht, das nicht mit Vernunft nachvollzogen werden kann. Nach einer guten halben Stunde blinzelt man dann auch verstört in die Sonne und kann nur langsam die überwältigenden Stimmungsbilder zuordnen, die bei Tageslicht plötzlich so unreal wirken.

Geändert von tanznetz.de Redaktion (10.06.2010 10:59:00)
tanznetz.de Redaktion
12.06.2010, 11:35


Foto: © Bernd Purkrabek

Freitag, 13:23 Uhr. Ein Glockenklingeln schallt mir entgegen, als ich eine der Hallen auf dem Schwere-Reiter-Gelände betrete. Es erinnert an das Klingeln bei einer Auktion oder eines Boxkampfes. An das Gebote-Abgeben und die nächste Runde einläuten. In einer Ecke haben sich Zuschauergrüppchen angesammelt, manche lehnen an der Wand, andere sitzen neugierig auf ihren Stühlen und blicken gespannt auf die abgetrennte Fläche in der Ecke. Die Performance ist in vollem Gange. Eine Schnur mit beschrifteten Zetteln ist durch den Raum gespannt. „Fischkutter“, „ausgewählt“ und „Zufall“ kann ich lesen. Über die Köpfe hinweg, erkenne ich nach und nach tatsächlich einen Boxring, in dem sich die Performerin Claudia Senoner im hautfarbenen Kleid bewegt. Eine Zuschauerin erhebt sich, nimmt einen Zettel von der Schnur, hält ihn hoch und steigt in den Ring. Aha, der nächste Begriff, der vertanzt werden soll, ist also „Eis“: Der Körper wird aufgerichtet, die Arme formen wie Eiskugeln über den Schultern Bögen, der Kopf neigt sich leicht zur Seite. Dann beginnt das Eis zu schmelzen. Der Rumpf knickt ein und der Körper sinkt zu Boden. „Langsamer“, ertönt es von der Ringrichterin. Im Publikum wurde ein Schild gehoben. Denn nicht nur das Thema, sondern auch das Tempo und die Dauer der gezeigten Stücke dürfen die Zuschauer selbst bestimmen. Die Performerin bietet sich an und richtet sich nach deren Wünschen. Und um die Situation eines „Supersale“ zu verstärken, dürfen die Zuschauer mit ihren ausgewählten Begriffen gegeneinander antreten und um das bessere Stück kämpfen. Der Gewinner erhält einen roten Punkt – wie die reduzierten Einzelteile beim Ausverkauf. Im Hintergrund läuft eine Art Soundcollage, die Bewegungen illustrierend. Oder umgekehrt? Der Körper reagiert genauso spontan auf die Musik wie auch auf die Begriffe, die das Publikum auswählt. Assoziationen werden auf den Körper übertragen, doch es sind keine Emotionen, die uns Senoner zeigt. Es ist die Materialiät, die hinter den verschiedenen Begriffen steckt. Ein Klingeln kündigt die nächste Runde an. Doch niemand im Publikum will einen neuen Zettel auswählen. Zaghaftes Klatschen beginnt. Der Ausverkauf ist vorbei.

Geändert von tanznetz.de Redaktion (12.06.2010 11:48:32)
tanznetz.de Redaktion
12.06.2010, 15:50

DR. HANS-GEORG KÜPPERS, KULTURREFERENT DER LANDESHAUPTSTADT MÜNCHEN, PROF. DR. DIETER GORNY, MEDIENMANAGER UND KÜNSTLERISCHER DIREKTOR DER RUHR 2010 GmbH, PIUS KNÜSEL, DIREKTOR PRO HELVETIA, MATTHIAS LILIENTHAL, KÜNSTLERISCHER LEITER UND GESCHÄFTSFÜHRER DES HEBBEL AM UFER, BERLIN. Foto: © Beate Zeller

Jeder weiß ja, wie schwierig es ist, Diskussionen mitzuverfolgen, besonders wenn es um ein heißes Thema wie „Kunst und Ökonomie“ geht und die verschiedensten Vertreter aus Kunst, Kultur, Politik, Ökonomie und Forschung daran beteiligt sind. Solche Diskussionen überdies dann so auf Papier zu bringen, ohne dass Standpunkte verdreht oder vernachlässigt werden, den (Blog-)Leser aber gleichzeitig nicht bei verschachtelten, nach Überzeugung haschenden Sätzen zum Einschlafen zu bringen, stellte mich vor eine schwieriege Aufgabe. Dies brachte mich letztlich auf die Idee – wie es ja bei Diskussionen durchaus üblich ist – ein Protokoll zum Symposium anzufertigen. Volià – viel Spaß beim Lesen!

Tisch 3 diskutiert zum Thema KUNST UND PRESTIGE IN DER ÖKONOMIE: AUTONOMIE VERSUS FUNKTIONALISIERUNG. Foto: © Beate Zeller

Kunst und Ökonomie haben unterschiedliche Leitbilder.
 Künstler müssen stärker geschützt werden, da in unserer Gesellschaft allzu leichtfertig mit den Begriffen Kunst und Kultur sowie Kreativität umgegangen wird.
 Künstler sollten diese Zweckentfremdung nicht dulden. Sie sind selbstbewusste Verfechter der unabhängigen, nicht-kommerzialisierten Kunst.
 Gemeinsamkeit von Kunst und Ökonomie ist der Prozess. Doch die einen sind defizitär, die anderen lukrativ.

Breitenwirkame Förderung und mehr zweckfreie kulturell-ästhetische Bildung.
 Kunst wurde in den letzten Jahren zum Wirtschaftsfaktor. Doch die Kreativbranche ist vielfältig.
 Qualität und Quantität der freien Szene müssen zu gleichen Teilen gefördert werden. Erst aus einer breiten Basis erwachsen Spitzen.

Tisch 1 diskutiert über KUNST UND ÖKONOMIE - ZWEI GESELLSCHAFTLICHE LEITBILDER?. Foto: © Beate Zeller

Konträre Innen- und Außensichten in Kunst und Ökonomie.
 Kunst ist nicht per se autonom. Bestimmte Rahmenbedingungen sind stets vorhanden. Das Gefühl autonom zu sein, jedoch, ist für Künstler notwendig.
 Gesellschaft braucht Kunst. Kunst entsteht von selbst - unabhängig von Förderungen, Orten oder Zeit. Indes besteht die Angst des Künstlers, von einem Unternehmen vereinnahmt zu werden.
 Kunst und Ökonomie sind seit jeher verbunden.

Das Aufrütteln der Gesellschaft.
 Eine gemeinsame Sprachwelt existiert nicht – Berührungsängste erschweren überdies den Kontakt.
 Annäherungen und ein Sich-aufeinander-Einlassen könnten durch eine neue Art von Künstlern als Kulturvermittler ermöglicht werden.
 Neues Denken in Unternehmens- und Alltagswelten soll die Bedeutung von Erfinderkraft stärken und die Erfahrbarmachung und Reflexion kreativer Prozesse bewerkstelligen.
 Ein Endergebnis kann die Position des Künstlers festigen, zugleich lediglich Abfallprodukt des Prozesses sein.

TISCH 2 DISKUTIERT ÜBER KULTURWIRTSCHAFT VERSUS KÜNSTLERFÖRDERUNG - DIE 'REINE' LEHRE VOM STANDORTFAKTOR KUNST. Foto: © Beate Zeller

Das kreative Zeitalter. Das Zukunftspotential der Kunst.
 Kreativität als Sensibilisierung. Kreativität als Prozess, um leben zu können.
 Kunst, Wirtschaft und Politik durchdringen einander und sind eng miteinander verbunden.
 Aus ökonomischer Sicht ist Kunst nicht kreativ. Kunst ist widerständig und nicht integrierbar.
 Wirtschaft braucht Kunst – ob der komplexer werdenden Welt.

Was noch alles zur Sprache kam:
Legitimationsprobleme. Masse und Kommunikation. Werte, Interessen und Haltungen. Schwer zu einende Perspektiven. Kunstfreiheit. Neue Modelle und der non-verbale, über den Körper kommunizierende Tanz als zukunftsträchtiger Vorteil.

PRÄSENTATION DER ERGEBNISSE AUF DEM ABSCHLUSSPODIUM. Foto: © Beate Zeller

Man muss nichts auf den Punkt bringen, vielmehr die Heterogenität wahren. Darüber war man sich nach der zweistündigen, zeitweise etwas hitzigeren Abschlussdiskussion einig. Und vor allem darüber, wie wichtig das Schwere-Reiter-Gelände für die freie Szene ist und für München – der Stadt mit dem „Luxus des goldenen Kulturquadratkilometers in der Innenstadt“. Schwere Reiter ist ein Ort für einmalige Erlebnisse, ist neuer Knotenpunkt und er gibt Raum und Zeit.

Geändert von tanznetz.de Redaktion (13.06.2010 15:24:23)
tanznetz.de Redaktion
14.06.2010, 10:22

Bloggerin Miriam Althammer nach einer Rodeo-Vorstellung vor dem i-camp. Foto: © Beate Zeller

Ich weiß gar nicht, wo ich heute anfangen soll, zu erzählen, über welches Stück ich schreiben könnte, denn gestern war der letzte Tag von RODEO und ich wollte noch einmal so viele Produktionen sehen, wie nur möglich. Auf diese Weise erlebte ich einen letzten turbulenten Tag im wilden Süden, der mich vom Schweren-Reiter zum i-camp und zurück führte, mit vielen Facetten und Geschichten.

Ich durfte endlich ein Herzstück des Festivals – so klang es für mich zumindest im Programmheft – anschauen, „Solos Rodear“: Das Gegeneinander-Antreten verschiedener Münchner Choreographen mit ihren Kurzproduktionen. Doch weder die drei Performer noch der Platzanweiser mit Stirnlampe und Trillerpfeife ließen Rodeo-Arena-Stimmung aufkommen.

Anna Holter in "Entracte". Foto: © Franz Kimmel

Arena 1:
Ein Klumpen verdrehter Gliedmaßen liegt auf einer Diagonale aus Klebstreifen – eingeschriebene Spur und Gefängnis zugleich. Der Körper befreit sich, zuckt, gluckst, knackt. Für kurze Zeit gelingt der Absprung. Fast schwindlig wird mir, als sich die Performerin Anna Holter einen neuen Raum schafft, sich um sich selbst dreht und Kontrolle über sich selbst zu gewinnen scheint. Trotzdem fällt sie, berührt abermals den Unglück bringenden Streifen und bleibt zitternd zurück.

Arena 2:
„Ich bin gar nicht hier“, tönt es aus dem leeren Raum. Einige Minuten lausche ich den Worten, die so bedacht gesprochen sind, suche nach Orientierung. Projektionen. Präsenz und Abwesenheit. Körper, Geist und Seele. Katja Wachter spielt mit den Begriffen, kämpft mit Zetteln, die Text präsent machen, ihn veräußerlichen. Ein Apfel wird Betroffener, muss seinen Körper lassen – und enttäuscht dennoch die Erwartungen.

Manfred Kröll. Foto: © Susanne Müller

Arena 3:
Der dritte Performer im Bunde, Manfred Kröll, weiß die Rodeosituation für sich zu nutzen. Dick trägt er auf. Er heißt willkommen, kokettiert und will in Bann ziehen. Jeder kennt dieses Lied mit der zeitlosen Melodie, die gute Laune machen will. „Sunny yesterday my life was filled with rain... Sunny one so true, I love you“ - beim Schreiben dieser Worte ertappe ich mich, wie ich wiederholt zu summen beginne. Und so inszeniert Kröll sich gnadenlos. Ein Mann, der sich gefällt. Ein Mann, der ganz allein in seinem Schlafzimmer den großen Auftritt probt. Immer herausfordender und mutiger wird er. Ein Schmunzeln. Ein direkter Blick. Das Applaus- und Lacherhaschende funktioniert – am Ende klatscht das Publikum mit.

Geändert von tanznetz.de Redaktion (14.06.2010 13:39:39)
tanznetz.de Redaktion
14.06.2010, 14:19

Philipp Bergmann in seinem Solo ...ODER NICHT SEIN (LA SOURCE). Foto: © Ludwig Olah

„Ich bin gar nicht hier“, diesen Satz hatte ich heute doch schon mal gehört. Ach ja, bei Katja Wachter. Und nun raunt es auch Philipp Bergmann in seinem Solo ...ODER NICHT SEIN (LA SOURCE) dem Publikum zu – lediglich dramatischer und sichtbar. Ein weiteres Mal wird deutlich, welche Bedeutung Text seit einigen Jahren im Tanz errungen hat. In diesem Stück allerdings funktioniert die Verschränkung von Tanz und Text für mich bedingt. Eine Hyperrealität soll erschaffen werden, ein langer, absurder Monolog über Vergangenheit und Zukunft, über die gegenwärtige Mediengesellschaft beginnt. Dem gegenüber steht der Körper, dessen Zustände grotesk auseinanderklaffen. Die bis zur Unkenntlichkeit vermummte Person sucht zu Beginn nach der geeigneten Position im dunklen Nichts, aufgehoben scheint die Funktion von Armen und Beinen. Angespannt und doch ruhig tastet sie sich über den Boden in immer wieder neue Figuren. Mit den Worten kippt die Situation. Die Person hetzt hysterisch über die Bühne, jagt knurrend von der einen zur anderen Ecke der Schattenwelt bis sie mit einem aggressiven Satz auf das Publikum zu, wieder zurückfällt. Im einen oder anderen Moment wirkt diese wild schnaubende Bestie für mich ein wenig lächerlich, fast bin ich versucht, einen Blick auf meine Uhr zu wagen. Doch plötzlich wird die Bestie zu einem blonden, rotbäckigen Jüngling, der von Illusionen und der Angst vor sich selbst zu singen beginnt. Mit nacktem Oberkörper steht er da, seine Haare sind nass und ein wenig zerzaust. Er richtet seinen Blick ins Publikum und nun hat er mich berührt. Jetzt macht das Stück im Ganzen Sinn. Bitte mehr davon!

Geändert von tanznetz.de Redaktion (14.06.2010 14:25:31)
tanznetz.de Redaktion
14.06.2010, 21:10

Stephan Herwig in Sabine Glenz' SOFT CUT Foto: © Oskar Henn

So, nun breche ich auf zu meiner letzten Station, einmal noch Schwere-Reiter. Es ist 20 Uhr und zwei weitere Stücke liegen vor mir.
Nach Philip Bergmanns aufwühlendem Stück tut die Ruhe von Sabine Glenz' SOFT CUT richtig gut. Ein weißer Raum eröffnet sich dem Publikum mit Projektionen, die in ihren Farben und Formen an einen Wald erinnern. Sound mit Vogelgezwitscher begleitet die drei Soli. Beim Untersuchen von Bewegungen werden Grenzen aufgelöst und überschritten. Eingerahmt von einem weißen Lichtrechteck wiederholt einer der Performer (Ludger Lamers) immer und immer wieder den Ablauf des Gehens, strauchelt und richtet sich wieder auf. Bewegungsfluss und Stillstand wechseln sich ab. Dies scheinen auch die auf einer Leinwand in einer Dauerschleife gezeigten Bewegungen zu symbolisieren – zwölf Bilder, die eine bestimmte Pose des Tänzers Stephan Herwig festhalten, erscheinen dem Zuschauer in schnellem Wechsel. Was bleibt von der Bewegung, eingefangen von einer Kamera und fixiert auf zweidimensionale Leinwand? In diesem Fall gewinnt sie an Wert, wird gedoppelt und vielschichtig.

SUITE MIT VOGEL von Claudia Senoner. Foto: © Oskar Henn

Dröhnen, gellen, klingen, schallen, tönen, krachen, schmettern, wummern – was Musik nicht alles kann. Beim letzten Stück SUITE MIT VOGEL rumorte es. Über eine Stunde lang erzeugten die vier Performer mit Alltagsgegenständen, Schlagzeugstöcken, Klarinette und Geigenbogen die skurrilsten Geräusche. Tatkräftig unterstützt wurden sie dabei von einer im Hintergrund laufenden Projektion in schwarz-weißer Stummfilm-Ästhetik, in der vier weitere Musiker agierten. Wer welchen Ton erzeugte, ob live oder im Video, Instrument oder Alltagsgegenstand – war mir zeitweise nicht mehr ganz klar. Ebenen verschoben sich, das schrille Durcheinander an Geräuschen wurde allein durch die Geschichte eines flügge werdenden Vogels lose zusammengehalten.
Der Zuschauer wird gereizt, der dumpfe Klang eines Backblechs ertönt, der Zuschauer wird auf die Probe gestellt, Ketten rasseln. Während ich langsam realisiere, in welch nervenzerrendes, ohrenbetäubendes Spektakel ich da hineingeraten bin, lehnen sich die Performer genüsslich zurück, fächeln sich mit einem Stück Pappe Luft zu und quälen uns mit freundlichem Blick weiter.
Einmal glaubt man, das Stück wäre vorbei - die Projektion verschwindet, das Profil eines Rauchers, der genießerisch an seiner Zigarette zieht, erscheint. Doch niemand klatscht. Einige wenige verlassen den Raum. Und schon geht es weiter. Wollen die Performer uns eine Entscheidung abverlangen? Sollen wir das Stück, das ewig während scheint, beenden? Wie lange kann man Aufmerksamkeit, Anstrengung und Geduld aufbringen? Abermals verschwinden die Darsteller. Ist es nun zu Ende? Ich lausche, warte auf ein Geräusch. Das Publikum beginnt zu klatschen. Nichts passiert. Langsam gehe ich zur Tür. Im Vorraum stehen die vier Akteure, polieren Gläser und nicken mir höflich zu. Ich muss lachen bei ihrem unschuldigen Blick. Gut, dass ich bis zum Ende geblieben bin.


Während mich die ersten Regentropfen nach Hause begleiten, freue ich mich über die vergangenen vier Tage. RODEO war ein lebendiges Festival voll Offenheit und Lust an Tanz und Theater, mit interessanten Produktionen, anregenden Diskussionen und vor allem vielen netten Leuten an einem Ort, der für Festivalstimmung sorgt. Hoffentlich wohne ich in zwei Jahren noch in München, um diese einmalige Atmosphäre ein zweites Mal miterleben zu können!

Geändert von tanznetz.de Redaktion (14.06.2010 21:21:16)
« 1 » (insgesamt 7 Einträge)