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Nürnberg, 07.01.2010 Roi David - ein Blog von Alexandra Rauh Ein choreografisches Projekt mit Schülerinnen der Hauptschule Soldnerstraße in Fürth zu dem symphonischen Psalm von Arthur Honegger
Foto © Kaja Fröhlich-Buntsel So klangen die Stimmen der Schülerinnen der Tanz AG an der HS Soldnerstraße in Fürth, als sie das erste Mal die Musik für das neue Tanzprojekt zu hören bekamen – die zeitgenössische Komposition „ Roi David“ von Honegger für Orchester, Chor und einen Erzähler. Darin wird fragmentarisch die Geschichte König Davids aus dem Alten Testament erzählt, sein Aufstieg vom Hirtenjungen zum König Israels, seine Ausübung der Macht, sein Kampf gegen seine Feinde, die Suche nach Halt im Glauben an Gott und dessen Tod. Die Idee diese musikalische Fassung szenisch mit Schülern umzusetzen, hatte die Kirchenmusikdirektorin Ingeborg Schilffarth. In der Lehrerin Sabine Hardege fand sie eine sehr engagierte Unterstützung, um Schüler für dieses Projekt gewinnen zu können. Ich wurde für das Konzept und die szenisch-choreografische Umsetzung engagiert. Darin wurden die für Schülerinnen der 5.- 9. Klasse eher schwer zugänglichen Themen in die Jetztzeit auf die Ebene rivalisierender Jugendlicher transportiert. Die in der Geschichte enthaltenen Themen wie der Kampf David gegen Goliath, der Umgang mit Macht und deren Missbrauch, Neid, Intrigen und die Suche nach einem inneren Halt haben auch heute an Aktualität nichts verloren. Zu diesen Inhalten brachten die Schülerinnen ihre eigenen Erfahrungen ein und setzten diese mittels Improvisation in Bewegung um. Unterstützt wurden sie von unseren Profitänzern Azmi und Miftar Hani, zu deren Bewegungsvokabular die gängigen Hip-Hop-Techniken wie Locking, Popping, Old School usw. aber auch Capoeira und zeitgenössisches Bewegungsmaterial gehörten. Um dieses Gesamtkonzept stemmen zu können bot sich das Stadttheater Fürth mit seinem Intendanten Werner Müller als Koproduzent an.
Foto © Kostümbildnerin Die Schüler lernten durch verschiedene Übungen und Improvisationen einen differenzierteren Umgang mit ihrem Körper allein und in der Gruppe kennen. Sie fingen an Bewegung, die schon thematisch mit Roi David zu tun hatte, selbst zu entwickeln. Gemischt mit vorgegebenen Sequenzen, entstand daraus eine vierminütige Choreografie, die zu der Musik von Peter Fox „ Alles neu“ im Juni 09 im Rahmen der „ Musikalischen Wochen“ im Stadttheater Fürth präsentiert wurde und die das Bewegungsbasismaterial für Roi David lieferte. Im Juli 09 begann dann die themenbezogene Arbeit an Roi David. In Gesprächsrunden wurden die Schüler mit dem Inhalt des Stückes vertraut gemacht und gaben Antworten auf Fragen zum Inhalt.
Foto © Kostümbilderin Antworten: „ Wenn ich mit meinem älteren Bruder kämpfe, ist das so. Er ist eigentlich stärker, aber weil ich schneller bin, gewinne meistens ich.“ „ Ich kenne auch jemand, der eigentlich stärker ist als ich und mich verhauen wollte. Weil ich ihm aber ab und zu einen Gefallen getan habe, den seine Eltern nicht wissen durften, konnte ich ihn damit erpressen.“ Frage: „ Wer, findet ihr, hat Macht?“ Antworten: „ Lehrer, Politiker, Eltern, Klassensprecher, Richter, ältere Mitschüler...“ Frage: „ Wie kann jemand Macht ausüben?“ Antwort: „ Befehle erteilen, jemand ausschließen, Strafarbeiten geben, Fernsehverbot erteilen...“ Frage: „ Kennt ihr Situationen, in denen ihr das Gefühl hattet, keinen Halt mehr zu haben. Von allen verlassen zu sein?“ Antworten: „ Als ich mich mit meiner besten Freundin gestritten habe", „ Als ich neu in die 5.Klasse kam und überhaupt niemand kannte." "Als ich von Klassenkameraden falsch beschuldigt wurde und mir niemand glaubte, als ich mich verteidigte.“ Aus diesen Antworten entstanden Improvisationen für das szenische Material der Schüler, aber auch der Tänzer. Hier einige Beispiele: -Zwei Gegner kämpfen gegeneinander. Der eine ist sehr stark. Wie kann man das zeigen?. Der andere ist sehr schnell und weicht den Angriffen aus. Dazu entwickelten wir in Paaren kurze Bewegungssequenzen. - Welche Befehle könnte jemand geben, der mächtig ist? Jeder durfte einmal der „ Mächtige“ sein und den anderen seine Befehle erteilen. Sowohl verbal als auch über Bewegung. - Wie beweget sich jemand, der sehr mächtig ist? „ Aufgeblasen“ war die Antwort einer Schülerin, was viele sofort sehr anschaulich umsetzen konnten. - Wie fühlt sich das im Körper an, wenn man das Gefühl hat keinen Halt mehr zu haben?
. Foto © Thomas Scherer. Nach sechs Wochen Probenzeit, mit insgesamt sechs Probeneinheiten von jeweils drei Stunden, wurde das Material aus den Improvisationen festgelegt und immer wieder mit der Musik geprobt. Für die Kinder war es schwer die Cues aus der Musik zu hören, da sie keine rhythmischen Einsätze bot. Sie mussten auf Instrumenteneinsätze hören, den Beginn einer neuen Phrase oder den Einsatz eines der Sänger. An sehr schwierigen Stellen halfen ihnen die beiden Profitänzer Azmi und Miftar, die immer wieder zu den Proben dazukamen, um deren Material mit dem der Kinder zu verknüpfen. Das Können der beiden wurde lautstark und ehrfürchtig kommentiert. Azmi und Miftar wurden von den Kindern geliebt und bewundert. Mit ihrem „coolen“ Bewegungsmaterial zwischen zeitgenössischem Tanz und Hip Hop Techniken, die wunderbar zu der zeitgenössischen Musik passten, waren sie diejenigen, die den Kindern zeigten, dass man nicht immer nur zu Musiken aus den Charts tanzen kann.
Foto © Kaja Fröhlich-Buntsel Zu den Proben kam jetzt auch die musikalische Leiterin Ingeborg Schilffarth dazu, um zu wissen, an welchen Stellen die Schülerinnen ihre Einsätze durch das Orchester oder den Chor bekamen. Nach einer weiteren Probenwoche mit Intensivprobenphase am Wochenende war es dann soweit – die Endprobenphase im Kulturforum Fürth mit vollem Orchester, Chor, Erzähler, Profitänzern und Schülern stand bevor. Die Schüler waren sehr gespannt auf diese Woche. Viele waren noch nie in einem Theater, hatten noch nie ein Orchester live auf der Bühne erlebt und standen noch nie selber auf einer Bühne. Die Proben versuchten wir um den Schultag der Kinder herumzuplanen, aber die Koordination mit den 20 Musikern, den 60 Chorsängern, den drei Solisten, dem Erzähler und den beiden Profitänzern und natürlich dem Theater war alles andere als einfach. So mussten wir in dieser Woche täglich 2-3 Stunden Probe z.T. erst am späten Nachmittag ansetzen. Für die Kinder eine sehr anstrengende Zeit, die sie aber wirklich mit sehr viel Elan gemeistert hatten. Reibungslos funktioniert hat das durch die Arbeit der pädagogischen Leitung Sabine Hardege und deren Assistentin Katharina Mayrhofer. Unterstützt hat uns auch die Schule, die den Kindern nach einer Abendprobe die ersten beiden Schulstunden erlassen hat oder sie auch mal früher nach Hause gehen ließ, damit sie sich vor der Probe noch ausruhen konnten.
Foto © Kaja Fröhlich-Buntsel Hinter der Bühne machte sich große Unruhe breit. Die Maskenbildnerin des Theaters war gekommen, um die Kinder zum ersten Mal zu schminken. Und auch die Kostüme waren jetzt fertig und konnten angezogen werden. Trotz der Nervosität und der relativ kurzen Probezeit auf der Bühne lief die Vorstellung sehr gut und die Schüler wurden mit einem tosenden Applaus und viel Lob belohnt. Das war noch zusätzlicher Ansporn die beiden weiteren Vorstellungen vor „normalem“ Publikum genauso gut zu meistern. Trotz krankheitsbedingter Ausfälle ist auch das durch das Engagement und den Zusammenhalt der Schülerinnen gelungen. Nach der Premiere gab es natürlich eine echte Premierenfeier mit Getränken und Häppchen und die Schülerinnen bekamen Urkunden vom Theater, dass sie an diesem Projekt teilgenommen hatten.
Foto © Kaja Fröhlich-Buntsel „ Das Projekt war sehr schön. Und ich finde es so richtig schade, dass es SCHON vorbei ist. Ich fände es sooooooooooooooo toll, wenn Sie noch mal so was mit uns machen könnten.“ Sandra 8. Klasse „ Ich fand es sehr schön, dass alle so gut zusammengehalten haben. Auch als mal welche krank waren hat alles funktioniert.“ Lena 6. Klasse „ Mir hat gefallen, dass so viele mitgemacht haben. Vor allem, dass Azmi und Miftar dabei waren. Die Choreografie hat voll Spass gemacht und es war toll, dass wir in einem richtigen Theater auftreten durften.“ Özlem 6. Klasse „ Ich fand das ganze Stück cool und möchte so was wieder machen. Ich fand es toll, dass die Tänzer mit uns noch mal die Choreografie durchgegangen sind.“ Carina 6. Klasse
Foto © Kaja Fröhlich-Buntsel Choreografie und szenisches Konzept: Alexandra Rauh Produktion: Stadttheater Fürth Musikalische Leitung: Ingeborg Schilffarth Tänzer: Azmi Hani, Miftar Hani Pädagogische Leitung: Sabine Hardege Pädagogische Assistenz: Katharina Mayrhofer Autor: Gastautor |